Man wird bemerkt haben, daß an diesen Bestimmungen nichts Magisches ist und doch zweifle ich nicht, daß die Mitglieder des Ordens seltsame Geschichten erzählen könnten, wenn sie wollten.
Viele, aber keineswegs alle Alchimisten und hermetistischen Philosophen waren Diener dieser großen geheimen Brüderschaft, die seit den ältesten Zeiten geblüht und unter verschiedenen Namen in verschiedenen Ländern ihre Mission vollendet hat und noch vollendet. Mitglieder dieser mystischen Vereinigung waren die alten Magier in Chaldäa in Mesopotamien. Mitglieder waren auch die ersten Sabäer, die lange vor den Weisen von Chaldäa lebten, ferner die Begründer der semitischen Kultur. Aus dieser großen Brüderschaft gingen Buddha, Lao-tse, Zoroaster, Platon, die Gnostiker, die Essäer und Christus selbst hervor – der ein Essäer war und die heiligen Lehren vom Berge des Lichtes predigte. Mitglieder waren ferner die großen Träumer und Dichter aller Jahrhunderte. Was immer an überirdischem Licht jetzt die Welt erleuchtet, kommt von den Fackeln, die sie an der Quelle alles Lichts entzündeten, auf jenem mystischen Berge, den zu erklimmen sie allein Mut und Ausdauer hatten; und sie erklommen ihn auf einer Leiter, deren Sprossen Jahrhunderte voneinander entfernt waren. Hermes Trismegistos, Ägyptens mächtiger König, war ein Adept und der andere Hermes (Asklepius IX.) ein Bruder. Ein Priester – wie Malki Zadek vor ihm – war jener berühmte präadamitische Monarch, jener Melchisedek, von dem man erzählte, er sei aus einem Gedanken geboren worden und habe unzählbare Jahrhunderte gelebt. Ebenso war es mit dem griechischen Mercurius. Ihrer war jene erstaunliche Gelehrsamkeit, in der Moses so bewandert war, und aus ihrem Brunnen trank der hebräische Josef. Nichts Ursprüngliches ist an der Thaumaturgie, Theologie, Philosophie, Psychologie, Entologie und Ontologie, was sie nicht der Welt gegeben hätten; und wenn je Philosophen glaubten, sie hätten neue Erkenntnisse und Wahrheiten gewonnen, so beweisen die Dokumente des Ordens, daß sie schon Menschenalter vor der adamitischen Zeitrechnung bekannt und das geistige Eigentum der Adepten waren.
Ich habe mich auf diese Bemerkungen und Erläuterungen eingelassen, einmal, um endgültig und autoritativ die schwierige Frage nach dem Wesen des Rosenkreuzertums zu lösen und dann, um auf das Folgende helleres Licht zu werfen.
2. Kapitel
WER WAR ES? – WAS WAR ES?
»Ich machte meine geplante Reise«, sagte Beverly eines Tages zu mir, »und kehrte weiser zurück, als ich ausgegangen war, aber der Erfüllung meiner hauptsächlichsten Hoffnung war ich nicht näher gekommen.« Ich hatte in der Stadt Boston eine medizinische Praxis auszuüben begonnen und bewohnte ein Bureau, das im Rufe stand, von den aufgestörten Geistern verschiedener Personen heimgesucht zu werden, die durch einen seltsamen Einfluß dorthin gezogen wurden. Ich lachte darüber und machte mich über die Behauptungen ganzer Scharen sogenannter Somnambuler lustig, die diese leichtbeschwingte Gesellschaft gesehen zu haben versicherten.
Da kam an einem stürmischen Tag bei stürmischem Schneetreiben eine Dame zu mir, um mich wegen einer skrophulösen Erkrankung ihres Kindes zu konsultieren. Damals genoß ich einen bedeutenden Ruf auf diesem Spezialgebiet, denn ich hatte wenige Monate vorher für diese Art von Leiden eine besondere Behandlungsweise eingeführt. Nachdem ich meiner ärztlichen Pflicht genügt, erhob ich mich und dachte, die Dame würde das Zimmer verlassen. Sie traf jedoch keine Anstalt, sich zu verabschieden, sondern wünschte mit mir über spiritistische oder ähnliche Themen zu debattieren, was ich aus angeborener Abneigung gegen Blaustrümpfe respektvollst ablehnte. Doch besaß sie alle Eigenschaften eines guten Klebepflasters, und ich konnte mich unmöglich von ihrer Gesellschaft befreien. Dabei erklärte sie, sie sehe beständig die Toten und unterhalte sich mit ihnen und wolle auch gerne Proben ihrer Befähigung in dieser Richtung liefern. Nach diesen Worten wurde sie sofort von einem äußerst heftigen Zittern befallen, das von krampfartigen Zuckungen und Konvulsionen begleitet war. Ich hatte so etwas geahnt und war daher über ihren Zustand nicht sehr bestürzt, ging aber doch in das Hinterzimmer, holte mir einen Stuhl und setzte mich nieder, um weitere Vorführungen abzuwarten. Diese ließen nicht lange auf sich warten, aber was da von einem Etwas, das meine Mutter zu sein behauptete, an Ratschlägen und Ermahnungen an mich gerichtet wurde, war nichts als Wortgeflunker und Gemeinplätze. Diese meine angebliche Mutter schien z. B. ihren Namen vergessen zu haben, ebenso wie meinen eigenen, und wann und wo sie aus dem Leben geschieden war. Ich war vollkommen sicher, daß es nicht meine Mutter sein könne, war aber anderseits ebenso überzeugt, daß Mrs. Graham nicht bewußt die Rolle einer Betrügerin spielte. Ich erklärte mir das Phänomen mit der Rosenkreuzerischen Theorie – die mir damals noch ganz neu war –, daß sie von einer anderen Individualität, die ihrer eigenen durchaus fremd war, besessen sei. Für mich war es sehr bald klar, daß sie wie tausend andere unter dem Einfluß und der Herrschaft eines Willens stand, der tausendfach stärker war als der irgendeines menschlichen Wesens, das je auf dieser Land- und Wasserkugel einen Körper bewohnte, eines höchst intelligenten, mächtigen, unsichtbaren und vollkommen gewissenlosen Wesens, das nichts Menschliches mehr an sich hatte.
Die Dame kam nach einigen Minuten wieder zu sich und ich setzte ihr freimütig meine Meinung auseinander. Sie war ihr neu und sie war sichtlich erstaunt. »Keine menschlichen Wesen, aber intelligent? Ein intelligentes Ding und arglistig? Es ist entsetzlich! Fürchterlich! Was ist denn dann dieses Ding? Ein Engel? Nein! Ein Teufel? Wenn ja, woher kommt es? Warum? Zu welchem Zweck?«
Wir plauderten mehr als drei Stunden lang. Die Stimmung meiner Besucherin wurde zuletzt wirklich erregt, denn ich holte noch einmal meine Rosenkreuzerlehre hervor. Schließlich sagte sie: »Gibt es wirklich im Universum intelligente, aber unsichtbare Wesen, anders geartet wie die Menschen – das ist die Frage?«
»Natürlich gibt es solche Wesen! Myriaden!« rief eine klare, männliche Stimme in den Raum hinein. Die Dame konnte es nicht sein, die etwa so auf ihre eigene Frage geantwortet hätte und ich war es erst recht nicht. Nach sekundenlangem Zögern wandte ich mich dem Sprecher zu, der mir als ein magerer, seltsam blickender, runzliger, alter Mann in der Erinnerung haftet, mit merkwürdigen kleinen, scharfen, grauen Augen. Er sah halberfroren aus und benahm sich auch so, denn er begann gemächlich seine Hände über meinem Laboratoriumsofen zwischen der Tür und der Wand zu wärmen. Die Dame schien von der unerklärlichen Gegenwart dieses eigentümlichen Eindringlings nicht überraschter zu sein als ich.