Ich biß mich auf die Lippe vor Verstimmung und Ärger über solche Tiraden gegen etwas, was meine innerste Seele bis jetzt als lichtbringend verehrt hatte. Und obwohl ich nicht zweifeln konnte, daß Ravalette im vollsten Ernst sprach, konnte ich nicht umhin, auf seinen Lippen ein triumphierendes Lächeln zu bemerken. Dieser Mann ist älter als ich, sagte ich mir, und weiß, wovon er spricht, sonst wäre er nicht so voll sicheren Vertrauens. Er kennt etwas Höheres als den Mesmerismus. Was mochte es wohl sein? Immer strebte ich, ein Problem zu lösen, an dessen Ende das »Warum?« und das »Warum nicht?« alles menschlichen Sehnens liegt – die Frage der bewußten, persönlichen Unsterblichkeit. War vielleicht alles, was ich an mesmeristischen Erscheinungen selbst gesehen und anderen in eigener Person vorgeführt hatte, nichts weiter als ein Produkt von Phantasie und Vermutung? Ich konnte es nicht glauben und doch hatte mein sarkastischer Begleiter dies, wenn nicht behauptet, so doch logisch gefolgert, und offenbar wußte er ebenso viel von den Vorgängen in meinem Geiste, wie ich selbst, und vielleicht sogar noch bedeutend mehr. Ich befand mich in vollständiger Verwirrung.
2. Kapitel
EIN SELTSAMES GESCHEHNIS
Ravalette fuhr fort: »Man kann heute nicht mehr dieselben Wirkungen damit hervorbringen wie vor wenigen Jahren, denn der Mesmerismus ist entartet und stößt alle feinfühligen Menschen ab. Seine Anhänger verlieren unausbleiblich den Verstand – wenn sie überhaupt einen hatten. Die Philosophie, die sie zu finden glauben, ist reiner Anachronismus. Mesmeristen sind Betrüger oder Betrogene, oder beides. Die Sentimentalitäten eines stöhnenden, hysterischen Mädchens, das zur einen Hälfte in Verzückung, zur anderen Hälfte liebeskrank ist – wie das die meisten modernen Hellseherinnen sind – zählen in der Reihe bewiesener Wahrheiten nicht mit und die Rasereien verrückter Somnambulen haben überhaupt nichts zu bedeuten; jene tragen wenigstens noch ein wenig Poesie in sich, diese aber überhaupt nichts. Nein, nein, mein Freund, setzen Sie kein allzu großes Vertrauen darauf, daß der Magnetismus Sie bei Ihren Forschungen unterstützen könnte; Sie werden sonst sicherlich eine Enttäuschung erleben und es dann, wenn es zu spät ist, bedauern, daß Sie aus dem Stall der Natur das schlechteste Tier gewählt haben. Folgen Sie meinem Rate und nehmen Sie ein besseres!«
Als der alte Kavalier seine Philippika gegen den animalischen Magnetismus beendet hatte, der mir so viel bedeutete, schwieg ich etwa eine Minute lang und ließ dabei alle meine Erfahrungen und Kenntnisse auf diesem Gebiete Revue passieren. Das Resultat überraschte mich nicht im geringsten, denn bei ruhigem, leidenschaftslosem Zusehen fand ich, daß seine Behauptungen und Anschauungen unmöglich zu bestreiten und zu entkräften seien. Einst hatte ich diese Wissenschaft für den großen Boten des Lichtes gehalten, durch dessen Hilfe wir mühelos die Vorgänge einer so entfernten Vergangenheit erfahren können, daß die Kohlenlager der Erde im Vergleich dazu Schöpfungen von gestern sind. Und da warf Ravalette mit einem einzigen grausamen Schlag das ganze Gebäude unbarmherzig über den Haufen. Verstimmt schwieg ich eine Weile, während wir auf einer Art natürlicher Esplanade auf den Hängen der Hügel bei Paris auf und ab gingen. Mechanisch trat ich beim Hin- und Hergehen in die vorher gemachten Fußstapfen und ebenso mechanisch bemerkte ich, daß Ravalette das Gleiche tat. Dabei fiel mir, obwohl mein Geist angestrengt auf der Suche nach Argumenten zu seiner Widerlegung war, ein seltsamer Umstand auf: Die Schuhe Ravalettes waren von ganz eigenartigem Schnitt, wie ich dergleichen vorher noch nie gesehen hatte. Im oberen Teile waren sie fast dreieckig. Vorher war dies meiner Aufmerksamkeit entgangen, jetzt erschien es mir plötzlich sehr merkwürdig. Ebenso überraschend aber war der Umstand, daß seine Schuhe statt des gewöhnlichen Absatzes und der Sohle vier kreisförmige Ringe aus Messing hatten, die mit Lappen bedeckt waren; die Spur, die er auf dem weichen nachgiebigen Boden hinterließ, war in der Tat höchst ungewöhnlich. Diese Spur und die Schuhe unterbrachen fast meinen Gedankengang. Ich bemerkte nun auch, daß die Sohle seines Schuhs mit einem Kreuz, zwei Halbmonden, zwei Dreiecken und einer massiven Stange, die einen Teil des Kreuzes bildete, geschmückt war. Ich sah auf – Ravalette lächelte über meine Überraschung.
»Das ist nur eine Laune von mir«, erklärte er. »Ich habe eine besondere Verehrung für diese Figuren, wie Sie leicht sehen können.« Dabei lenkte er meine Aufmerksamkeit auf eine große Spange oder Vorstecknadel an seiner Brust.
Dieses seltene Kleinod, das ich früher zwar gesehen, aber nicht besonders beachtet hatte, bestand aus einem Dreieck, einem Halbmond oder Viertelkreis und einem Zirkel. In der Mitte befand sich ein kleines Kreuz aus winzigen Sternen und am Schnittpunkt der beiden Kreuzbalken war eine blühende Rose, in natürlichen Farben in Email ausgeführt, angebracht. Als ich diese Busennadel mit einem starken Vergrößerungsglas untersuchte, entdeckte ich auf dem Halbmond eine Inschrift in winzig kleinen fremdartigen Buchstaben. Auf der linken Seite des Mondes war ein Pelikan, der seine Jungen mit seinem eigenen Herzblut nährt, in der Mitte eine kleine schwarze Rose und rechts eine dunkelrote.
Die Arbeit war außerordentlich fein, denn das Ganze war nicht größer als ein Golddollar. Er zeigte mir auch ein großes Siegel, das an seiner Uhr hing und auf seiner Oberfläche eine Leiter von zwölf Sprossen zeigte, von denen die erste und die fünfte zerbrochen waren. Der Fuß dieser Leiter stand auf einer zertrümmerten Säule, neben der eine Maurerkelle lag, und ihr oberes Ende lehnte sich gegen den Schaft und den Ring eines Ankers, der auf dem Kopf stand und dessen unterer Teil in einer Wolke verschwand. Nachdem ich das Siegel zur Genüge betrachtet hatte, zog er seine Uhr heraus, die an einer schönen goldenen Taukette befestigt war, und sagte mit einem halben Lächeln: »Ich habe noch mehr von der Art.«
Es war eine gewöhnliche glatte goldene Uhr mit einem Schutzgehäuse, die vielleicht 50 oder 60 Pfund Sterling wert sein mochte. Einen besonderen Wert aber erhielt sie dadurch, daß auf der Innenseite ein stilisierter Anker in Diamanten dargestellt war. Die entgegengesetzte Seite zeigte, in hervorragender Emailarbeit ausgeführt, eine Windrose: drei Sterne glänzten im Westen, ein Grabgewölbe mit halbgeöffnetem Tor stand im Osten, gebrochene Säulen zierten den Süden, und im Norden war ein von kleinen Dreiecken gebildeter Kreis, in dessen Mitte eine Rose auf den Armen eines durch Punkte angedeuteten Kreuzes schwebte. Das Ganze war in derselben Feinarbeit ausgeführt wie das Siegel und die Nadel.
Als ich fragte, was dies bedeute, gab er eine ausweichende Antwort. Er wiederholte seine vorherige Bemerkung und sagte schließlich: »Suchen Sie jetzt nicht zu erfahren, was diese Dinge bedeuten; Sie werden es in den nächsten Tagen wissen. Reden wir von etwas anderem. Sie bemerkten vorhin, daß der Mesmerismus eine spirituelle Kraft sei, aber ich bin nicht ganz überzeugt, daß Sie recht haben. Nach meiner Ansicht ist er eine physische Kraft – er mag ultraphysisch oder ultramateriell sein, aber er ist eben doch physisch.«