»Wie!« rief ich erstaunt, »menschlicher Magnetismus, dieses mächtige Agens, das so gewaltige Wirkungen hervorruft, sollte physischer Natur sein? Unmöglich! Schon der Gedanke ist, verzeihen Sie, absurd; die Behauptung ist geradezu lächerlich!«
»Das dachte auch ich einmal«, sagte Ravalette. »Ich glaube es nicht mehr; und seien Sie überzeugt, die Zeit ist nicht mehr fern, da auch Sie in dieser Frage auf meiner Seite stehen werden. Ich will versuchen, Ihnen die Sache zu erläutern. Nehmen wir zum Beispiel die Schlangen. Wir wissen, daß diese Reptilien auf Vögel und andere Tiere einen Einfluß ausüben, der ganz dem eines Magnetiseurs ähnlich ist, nur mit dem Unterschied, daß die menschlichen Versuchsobjekte nicht den eigenartigen Schrecken zeigen, wie er bei den niedrigeren Arten von Lebewesen in diesem Falle auftritt. Denn das Tier hat einen sicheren Instinkt dafür, daß jene Macht zu seiner Vernichtung ausgeübt wird, wovon die menschliche Versuchsperson natürlich völlig frei ist.
Wir sehen die Schlange dieselbe Kraft ausüben wie den Magnetiseur und wir bemerken bei beiden die gleichen Resultate; und doch wird es keinem Menschen einfallen, auch nur einen Augenblick lang anzunehmen, daß die Schlange ein spirituelles Wesen ist.«
»Ich will nicht sagen«, fuhr er fort, »daß die Seele des Menschen physische Natur ist, aber sein Geist ist es gewiß; – ich habe das vor über 60 Jahren völlig zufriedenstellend bewiesen. Halten Sie mich, ich bitte Sie, nicht etwa für einen Materialisten und behaupten Sie nicht, daß ich die Existenz des Geistes bestreite; das sei fern von mir! Ich glaube nicht nur an einen Geist, sondern sogar an ein großes spirituelles Reich, das viel ausgedehnter, mannigfaltiger und schöner ist als dieses unser materielles Reich; und glauben Sie mir, mein Freund, wenn ich Ihnen versichere, daß unter Zehntausenden nicht einer eine richtige Vorstellung von dem hat, was er meint, wenn er das Wort ›Geist‹ ausspricht, und daß unter der dreifachen Zahl noch nicht einer ihn genau definieren kann. Sodann gestatten Sie mir als ein Vorspiel zu dem, was Ihnen noch zustoßen wird, zu sagen, daß ich, entsprechend der modernen Philosophie und in geradem Gegensatz zur populären Anschauung, der Ansicht bin, daß der Geist im Geiste nicht die Wirkungen hervorrufen kann, wie sie beim mesmerischen und den analogen Phänomenen auftreten, aber ich bezweifle keineswegs, daß die Materie diese Fähigkeit hat. Ja, mein Freund, ich bin der Überzeugung, daß die Materie allein ohne jede äußere Hilfe zur Erzeugung magnetischer Wunder und hundert anderer noch viel wunderbarerer Vorgänge fähig ist. Ich glaube zum Beispiel nicht, daß irgend eine bloß mesmerische Kraft und noch weniger die Träume des gewöhnlichen Schlafes Sie unter irgendwelchen Umständen befähigen können, die Inschriften auf den Tafeln im Louvre zu entziffern oder die Geheimnisse von Karnak, Baalbek, Niniveh oder Ampyloe zu erforschen, aber ich kann Ihnen rein materielle Kräfte nennen, die für die Ausführung dieser Aufgaben und noch viel größerer völlig ausreichen. Ich kenne ein materielles Mittel, das die Seele befähigt, vor ihrem Blick die Geheimnisse des fernsten Altertums bloßzulegen, die Vergangenheit ihrer Hülle zu entkleiden und triumphierend den Schleier zu lüften, der die Zukunft vor unserem Auge verbirgt – oder vielmehr vor Ihrem Auge.«
Der seltsame Alte hielt inne und mein Geist verharrte eine Weile bei seinen letzten Worten. Es war ganz klar, so dachte ich, daß er auf gewisse Medikamente anspielte, die lange Zeit zur Erzeugung einer Art ekstatischen Traumzustandes gebraucht worden sind, und so erwiderte ich:
»Sie haben zweifellos recht und können durch physische Kräfte eigenartige seelische Phänomene und merkwürdige Äußerungen geistiger Tätigkeit erregen, aber ohne allen Zweifel überschätzen Sie ihre Wichtigkeit, denn nicht eine einzige von ihnen ist imstande, einem klaren, starken Geist die Möglichkeit zu gewähren, sich in der Sphäre des Verborgenen aber Wirklichen zu bewegen.«
»Sie haben etwas Besonderes im Auge, mein Freund?«
»Ich habe verschiedene chemische und pflanzliche Verbindungen im Auge, so zum Beispiel jene Pflanzen, die einen großen Prozentsatz Narkotika enthalten, wie Opium, Beng und Hanf, dann die Präparate des wonnebringenden, aber gefährlichen …, die bezaubernden Abkochungen des …, nicht zu vergessen: das Haschisch, dieses verfluchte Mittel, unter dessen Einfluß im Orient Millionen in ein vorzeitiges, aber regenbogenfarbenes Grab sinken, und das in den westlichen Ländern Hunderte zu heulenden Wahnsinnigen gemacht und starke Männer in geifernde Idioten verwandelt hat.«
Wir verfielen in Stillschweigen, bis Ravalette mit Eifer meine Hand ergriff und sagte:
»Mein lieber junger Freund, es gibt hier in Paris eine hohe und edle Gesellschaft, deren Haupt ich bin. Sie zählt viele Rosenkreuzer zu ihren Mitgliedern. Wie die Vereinigung, zu der Sie gehören, hat auch die unserige ihr Hauptquartier im Orient. Seit ich Sie gesehen habe, hatte ich den sehnlichen Wunsch, Sie als Bruder in unserem Orden zu wissen. Soll ich Ihre Aufnahme ins Werk setzen? Sind Sie erst einmal bei uns, so ist Ihnen kein Zweig des Wissens, des Mystischen und irgend eines anderen mehr verschlossen, und im Vergleich dazu nehmen sich selbst die Geheimnisse des dritten Tempels des Rosenkreuzes wie das Alphabet einer Enzyklopädie aus.«