Er redete mir noch weiter zu, aber ich hatte keine Sehnsucht, in seine Brüderschaft einzutreten, und erklärte ihm dies auch höflich, aber bestimmt. Daraufhin brach er unsere Unterredung ab, indem er sich erhob, wobei er noch bemerkte:

»Sie werden es bereuen, ich kann Ihnen nicht mehr sagen. Die Gesellschaft existiert; wenn Sie sie brauchen, dann finden Sie sie; sie kann gefunden werden. Aber sehen Sie: Mein Reitknecht wartet schon lange mit dem Pferd; ich muß Sie jetzt verlassen. Nehmen Sie dieses Papier, öffnen Sie es, wenn es nötig ist. Sie werden Paris morgen oder in den nächsten Tagen oder wann immer Sie wollen, verlassen. Wenden Sie Ihr Antlitz nach Süden, nicht nach Norden, wie Sie vor hatten. Suchen Sie mich nicht, außer in der Stunde der höchsten Not. Inzwischen rate ich Ihnen, gehorchen Sie Ihrer höchsten Einsicht bis auf den Buchstaben! Leben Sie wohl!«

Und so trennten wir uns. Ich schätzte Ravalette hoch, aber nicht seine Brüderschaft. Die Unterhaltung, wie überhaupt das ganze Zusammensein mit ihm, war von einer eigentümlichen, zauberhaften Atmosphäre umgeben. Es war ersichtlich, daß alle seine Worte und Anspielungen einen tieferen Sinn hatten, als es zunächst schien. Seine Ausführungen hatten meine Seele mit neuen seltsamen Ideen und Erregungen erfüllt, und ich fühlte, daß er mich an dem inneren Tor eines großen Gebäudes hatte stehen lassen, nachdem er mich geschickt durch den Vorhof geführt. Was für Welten der Geheimnisse, welch tiefe und dunkle Vermutungen lagen noch dahinter verborgen? Ich empfand und wußte, daß er kein gewöhnlicher Mensch sei, und dies wurde mir später auf merkwürdige Weise bewiesen.

Da ich meine geplante Reise durch die Pikardie und die Normandie verschoben hatte, hatte ich mich mit der Hoffnung getröstet, ich könnte engere Bande der Sympathie zwischen uns knüpfen, und durch die Berührung mit einem so bedeutenden Intellekt wie dem seinigen an Weisheit zunehmen. Wie gewaltsam und plötzlich war diese Hoffnung jetzt zunichte gemacht!

Als er mich Knall und Fall verließ, nachdem er meine Seele mit einem so prächtigen Köder angelockt hatte, war ich erstaunt und bekümmert. Ein Tag in seiner Gesellschaft wäre mir ein Vermögen wert gewesen, aber leider konnte diese Gunst des Schicksals nicht einmal mit Tausenden erkauft werden.

Seine letzten Worte waren das Grabgeläute meiner Hoffnungen. Jetzt wurde ich auch einer Tatsache gewahr, die mir bisher entgangen war, nämlich, daß ein berittener Stallknecht mit einem Handpferd unter einem großen Baum am südöstlichen Ende unserer Promenade geduldig gewartet hatte. Als mir der Alte das versiegelte Papier in die Hand drückte, näherte sich der Knecht und half seinem Herrn beim Aufsteigen. Sobald die beiden im Sattel saßen, gaben sie den Tieren die Sporen und jagten in gestrecktem Galopp davon, und bevor ich mich von meiner Bestürzung erholt hatte, waren sie außer Sehweite.


3. Kapitel
DAS GEHEIMNIS – EIN HERR STEIGT IN EINE DROSCHKE, UM SEINEN EIGENEN GEIST ZU SUCHEN

Es mochten wohl drei Minuten verflossen sein, als ich wieder völlig zu mir kam. Ich faßte den Entschluß, mich nicht in dieser, wenn auch ritterlichen Weise äffen zu lassen, sondern noch eine Zusammenkunft zu erzwingen, komme was da wolle. Mit dieser Absicht rannte ich den Hang des Hügels entlang und dann durch die Hauptstraße von Belleville, bis ich den Schlagbaum an der Straße erreichte, die in die Rue Faubourg du Temple führt. Dort rief ich eine Droschke an und befahl dem Kutscher, mich so schnell wie möglich nach der Rue Michel de Compte zu fahren, wo ich vor wenigen Stunden mit Ravalette gespeist hatte.

Während ich mit dem Kutscher sprach, ereignete sich etwas Seltsames. An jenem Schlagbaum stand eine Schar von Müßiggängern herum und in ihrer Mitte bemerkte ich eine Bonne, die drei hübsche Kinder beaufsichtigte, von denen eines, ein Knabe von sieben Jahren, ein ungewöhnliches Interesse für mich an den Tag legte. Dieses Kind nun lief, als es mich sah, zu der Bonne und sagte: »Fanchette, was hat der Mann da? Ist er krank? Warum schaut er so seltsam drein?«