Hier war ein neues Geheimnis.

»Melden Sie mich, bitte, Ihrem Herrn!«

»Sofort, mein Herr. Jeanette, geh hinauf und sage dem gnädigen Herrn, daß ihn jemand zu sprechen wünscht.«

Jeanette, ein kleines Mädchen von zwölf Jahren, eilte, den Befehl auszuführen, nach wenigen Minuten erschien der Herr des Hauses selbst, und ich stellte mit Überraschung fest, daß der schürzengeschmückte Kellermeister, der uns bei unserem Diner bedient hatte, und der Hausherr ein und dieselbe Person waren. Ich erfuhr, daß Ravalette, der dem Wirt im übrigen vollkommen unbekannt war, vor zwei Tagen zu ihm gekommen sei, um ein opulentes Diner für zwei Personen zu bestellen – der Hausbesitzer war nämlich von Beruf Gastwirt. Ravalette hatte die Rechnung im voraus beglichen und ihm eine seltsam gearbeitete kleine Silbermünze als Andenken verehrt. Er zeigte mir die Medaille und ich sah mit Erstaunen, daß es eine getreue, etwas vergrößerte Kopie derjenigen war, die ich am selben Tage in Belleville an seinem Halstuch bemerkt hatte. Auf die Frage, wann er Ravalette zuletzt gesehen habe, antwortete er: »Ich weiß nicht, wo er ist, auch nicht, wann ich ihn wiedersehen werde – ich weiß überhaupt gar nichts. Er ist mit Ihnen fortgegangen und seitdem nicht zurückgekehrt. Er ist ein rätselhafter Mensch und hätte ich nicht diese Medaille hier und 310 Goldfranken in der Tasche, so wäre ich fast geneigt zu glauben, daß er der Teufel in eigener Person war. Aber der Teufel zahlt niemals mit Gold, wie die sagen, die es wissen müssen, und Ravalette hat mich unzweifelhaft in funkelnagelneuer Münze bezahlt, die ich, weil sie so schön aussah, in meine lange Lederbörse einband, um sie meiner Tochter, die auf der Schule in Dijon ist, zum Geburtstag zu schenken. Sehen Sie her!«

Dabei zog er eine abscheuliche Lederbörse hervor, die an einem Ende mit Bindfaden sorgfältig verschnürt und mit rotem Siegellack versiegelt war.

»Ich kann Ihnen das Geld nicht zeigen, weil ich das Siegel nicht verletzen möchte, aber Hören ist ja ebenso gut wie Sehen und Sie sollen es gleich klirren hören.«

Dabei schlug er mit der Börse ein paarmal an die Wand, aber statt des fröhlichen Goldgeklimpers vernahmen wir nur den dumpfen Klang unedlen Metalls. Der Wirt wechselte die Farbe, zog hastig sein Messer, durchschnitt die Schnur und schüttete den Inhalt des Beutels in seine hohle Hand.

Wir waren starr: statt des Goldes hielt er einen Haufen bleierner Scheiben in der Hand! Auf jedem stand eine Nummer und ein Buchstabe und eines trug auf der Rückseite die Inschrift: »Ordnet die Münzen nach der Reihenfolge der Nummern.« Wir taten es und sahen nun, daß die Buchstaben Wörter und diese einen Satz bildeten, der lautete: »Es ist nicht alles Gold, was glänzt.«

Mir gerann das Blut in den Adern. Ich konnte kaum ein Wort sprechen oder mich bewegen, so groß war meine Bestürzung; unbeschreiblich war das Entsetzen des Hausherrn, der mit offenem Munde und mit herausquellenden Augen auf die Münzen starrte. Und während wir beide noch hinsahen, ging mit den Münzen eine neue Schrecken erregende Veränderung vor: die Buchstaben nahmen zunächst eine hellblaue Färbung an, die dann in ein dunkles Karmesin und schließlich in Blutrot überging. Gleichzeitig aber hatten sich auch die Buchstaben selbst verwandelt und wir lasen jetzt:

»Denken Sie an Ravalette! Fürchten Sie nichts!«