Mit einem Entsetzensschrei schleuderte der Wirt die verhexten Münzen auf den Boden und fiel sogleich in eine todesähnliche Ohnmacht. Allgemeine Verwirrung entstand, der Portier, Jeanette und ein halbes Dutzend anderer Dienstboten stürzten herbei, um ihrem Herrn zu helfen.

Wir trugen ihn sorgsam und vorsichtig hinauf, begannen sofort Wiederbelebungsversuche anzustellen, und nach einer halben Stunde erwachte er wieder zum Leben. Diesen Moment benützte ich, um ihm Lebewohl zu sagen und mit dem Versprechen, am andern Morgen wieder zu kommen – wenn ich nicht überhaupt Paris verließe –, ging ich fort.

Vorher jedoch wollte ich noch die wunderbaren Münzen an mich nehmen und ich ging daher mit dem Hausmeister, der gesehen hatte, wie sein Herr sie weggeworfen, in den Hof hinunter. Wir suchten lange und fanden wohl die Eindrücke, die sie auf dem Boden zurückgelassen hatten, aber von den Münzen selbst keine Spur. Niemand im Hause konnte sie aufgehoben haben, denn alle waren um den Wirt beschäftigt gewesen; niemand hatte in der Zwischenzeit hereinkommen können, denn das Tor war verriegelt und seit ich eingetreten, nicht mehr geöffnet worden.

Schließlich gaben wir die Hoffnung auf, noch etwas zu finden. Ich sah den Portier an und schüttelte den Kopf, und er sah mich an und schüttelte den Kopf. In diesem Augenblick hörten wir eine Stimme, weiß Gott woher (sie schien weder von oben, noch von unten zu kommen), eine hohle, halb pathetische und halb sarkastische Stimme, die unsere eigenen Gedanken aussprach: »Es ist eine sehr seltsame Sache!« Der erschrockene Hausmeister bekreuzte sich, während ich das Tor entriegelte und auf die Straße hinausstürzte.

Die Sache war von so zauberhafter Art, daß ich meinen Sinnen nicht mehr traute, aber wenn ich mir alle Umstände von Anfang bis zum Ende überlegte, konnte ich an der Wahrheit des Erlebten schlechterdings nicht zweifeln.

Doch während ich, die Rue Michel de Compte verlassend, in die Rue du Temple einbog und langsam dahinschritt, kam mir plötzlich ein anderer Gedanke: Vielleicht hatten Ravalette und die Leute in jenem Hause mir nur eine ganz raffiniert angelegte und sehr geschickt durchgeführte Komödie vorgespielt? Aber wie ließen sich dann die kaleidoskopischen Veränderungen der Münzen erklären? Hier lag doch noch ein Widerspruch.

»Ich hab's!« rief ich schließlich. »Das Problem ist gelöst und ich habe es gefunden!« Ganz spontan war mir eine Lösung eingefallen, die vielleicht sogar das Münzenrätsel befriedigend erklärte, und was mir vor zehn Minuten noch als ein tiefes und schreckliches Mysterium erschienen, lag jetzt anscheinend so klar wie die Mittagssonne. Meine Gedankengänge waren diese: Ravalette war ein reicher, exzentrischer Kavalier, der meine natürliche Neigung für die Antike und das Okkulte bemerkt und daraufhin beschlossen hatte, sich und seine Freunde auf meine Kosten zu amüsieren; oder aber er bemitleidete mich wegen meiner gefährlichen Verblendung und hatte dieses ziemlich kostspielige Experiment angestellt, um mich dadurch von ihr zu befreien. Die Leute im Hause, ebenso wie die am Schlagbaum, bildeten die Statisten in dem Schauspiel. Er war ein gescheiter Mann und wußte, daß er mich nicht so einfach würde hinters Licht führen können, und darum rief er die Wunder der Chemie und Bauchrednerei zu Hilfe – mit dieser letzteren erklärte ich mir nämlich jene überirdische Stimme, mit der ersteren die Verwandlung der Münzen: sie waren wohl mit einer Substanz überzogen gewesen, die sich bei der Berührung mit der freien Luft veränderte. Das Erscheinen der letzten Worte war für den Wirt das Zeichen sie wegzuwerfen und eine Ohnmacht zu heucheln. Die entstandene Verwirrung konnte dann dazu benutzt werden, die Münzen zu beseitigen. Der Satz endlich: »Es ist eine sehr seltsame Geschichte« war unter diesen Umständen ganz natürlich und mußte so notwendigerweise genau meinen Gedanken wiedergeben und der ganzen Szene noch einen besonders geheimnisvollen Reiz verleihen.

Ich war stolz auf meine Erklärung und sie hätte alle Fragen dieses Problems wunderbar gelöst, wenn nicht ein einziger kleiner Einwand gewesen wäre, und der war – daß sie eben nicht stimmte – was vielleicht recht trivial erscheint, aber wir werden gleich genaueres vernehmen.

Ich war von meinen Schlußfolgerungen schon halb zufriedengestellt und nachdem der erste Freudenausbruch über meine Entdeckung vorüber war, überlegte ich weiter. Mochte meine Lösung richtig oder falsch sein, auf jeden Fall wollte ich nach Belleville zurückkehren und dort Nachforschungen anstellen. Ein Omnibus brachte mich an den Schlagbaum, wo ich zu meiner großen Freude genau dieselben Leute fand, die beim ersten Male dort gewesen waren. Die Bonne und die Kinder sahen soeben den Vorführungen eines Marionettentheaters zu. Glücklicherweise waren alle – im ganzen etwa dreihundert Personen – von den Späßen Polichinells und seines keifenden Weibes so gefangen, daß keiner mich bemerkte. Ich ging daher in ein Café in der Nähe, verlangte eine Tasse Kaffee und schickte einen der Kellner fort, um das Mädchen mit den drei Kindern zu holen. Ich bestellte für sie und die Kinder Kaffee und Kuchen und fragte sie, was sie zu so merkwürdigen Redensarten über mich veranlaßt habe.

»Ach mein Herr,« sagte sie, »ich habe nur die Worte wiederholt, die ein alter Mann gesprochen hatte, der an der entgegengesetzten Seite des Wagens stand, wo Sie ihn nicht sehen konnten. Ich ging gerade von dort nach der anderen Seite herüber, als Sie mich sahen und hörten. Als Sie die Straße herunterliefen, sah jeder, daß Sie in Eile waren, und mehrere Leute stellten Vermutungen über den Grund Ihrer Hast an. Einer sagte: ›Der Mann ist verrückt‹, ein anderer: ›Seine Frau ist mit einem Liebhaber durchgegangen‹; und der Alte neben mir sagte: ›Er sucht etwas, was er sobald nicht finden wird.‹ ›Und was ist das, mein Herr?‹ fragte ich ihn. ›Er ist auf der Suche nach – ähem, er sucht – seinen eigenen Geist, meine Liebe!‹ sagte er und ging fort. Die Bemerkung war so seltsam, daß ich die ganze Zeit, während ich über die Straße ging, daran dachte – und das ist für uns Kindermädchen eine sehr lange Zeit, mein lieber Herr – und als Auburt – das war eines der Kinder – mich fragte, was Ihnen fehle, wiederholte ich unwillkürlich die Worte des Alten – so und – noch eine Tasse Kaffee, bitte – und das war alles!«