Er war von großer, anmutiger Figur und sichtlich von Geburt ein Ire, hatte aber sonst nichts Auffälliges an sich. Er weigerte sich zunächst, uns seinen Namen zu nennen: »Wenn ich unbekannt bleibe, werde ich nicht als Wundertier angestaunt, das heißt mit anderen Worten, nicht von Leuten, die ihre krankhaft zudringliche Neugier befriedigen wollen, belästigt werden – von Leuten, die auf der Jagd nach Mirakeln sind, anstatt Künste und Wissenschaften zu studieren und durch eine eingehende Beschäftigung mit philosophischen Wahrheiten und den verborgenen Geheimnissen der Natur ihre Kenntnisse zu bereichern.«
Er war sehr höflich und gebildet, begann sofort unbefangen ein Gespräch und schien selbst von dem Cercle, den er hielt, so befriedigt, daß er bald alle Zurückhaltung aufgab, lachte und scherzte. Schließlich teilte er uns auch seinen Namen mit – allerdings unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit: Nibchi Vatterale – ein merkwürdiger Name! Dann schlug er vor, in das Nebenzimmer zu gehen. Dort stellte er je sechs Stühle in einer Reihe auf, im ganzen achtzehn, also drei Reihen, die zusammen ein Dreieck bildeten. Darauf bedeutete er dem Baron, daß seine Vorbereitungen erledigt seien, worauf der Baron sagte: »Herr Vatterale hat mir mitgeteilt, daß vor solch einer Sitzung alle Anwesenden unbedingt ihren leiblichen Organismus stärken müssen. Ich lade Sie daher ein, vor dem Beginn unserer Vorführungen an einem kleinen Souper teilzunehmen und –«
»Gestatten Sie einen Augenblick«, fiel Mr. Vatterale höflich ein, »es ist das nämlich eine Gewohnheit von mir und geschieht zu dem Zweck, um alle üblen Folgen zu vermeiden, die aus einer zu starken Erregung des Nervensystems hervorgehen könnten.«
»Dann, meine Damen und Herren, bitte ich Sie mir zu folgen«, rief der Baron, reichte seiner Gemahlin den Arm und führte uns in sein prächtiges Speisezimmer.
Nach dem Souper kehrten wir wieder in das Nebenzimmer zurück und ließen uns auf den im Dreieck aufgestellten Stühlen nieder, wobei die Damen, sechs an der Zahl, die westliche Seite einnahmen. Nun stellte Vatterale in den freien Raum zwischen uns zwei Stühle einander gegenüber und zwei mit Damastsamt bedeckte Fußschemel nebeneinander in den einen Winkel des Dreiecks. Dann verschloß er alle Türen des Zimmers und band die Schlüssel mit einem scharlachfarbenen Band zusammen, dessen Ende er an einem der Glasprismen befestigte, die von dem großen Gasluster in der Mitte des Zimmers gerade über unseren Sitzen herunterhingen. Die sieben Flammen dieses Lusters brannten sämtlich und das Zimmer war in allen seinen Teilen so hell erleuchtet wie bei Sonnenschein. Die beiden Fenster in der nördlichen Wand waren verhängt und fest geschlossen. Ich wiederhole noch einmal, daß die sieben Gasflammen während des ganzen Abends brannten – außer wenn sie ohne Hilfe menschlicher Hände ausgelöscht wurden. Sie wurden übrigens jedesmal, wenn sie auf solche Weise erloschen, sofort wieder angezündet.
Nachdem Vatterale die Schlüssel auf die erwähnte Art gesichert hatte, untersuchte er die beiden Fenster auf das genaueste, machte sie unten fest – das heißt die unteren Scheiben (es waren nämlich sogenannte Guillotine- oder Schiebefenster), während er eine der oberen herunterließ, dann die Fensterläden öffnete und befestigte. Ich bemerke noch, daß er selbst natürlich niemals vorher in diesem Raum und überhaupt nicht in dieser Wohnung gewesen war und daher über deren Anlage und Einrichtung nicht orientiert sein konnte. Trotzdem bat er jetzt den Baron, einem Diener zu läuten, und befahl diesem durch die geschlossene Tür, ein Sofa aus dem unmittelbar über uns befindlichen Zimmer in das dunkle Schlafzimmer im dritten Stock zu bringen, da es an seinem gegenwärtigen Standort die vorzunehmenden Experimente beeinflussen könnte.
Dies überraschte uns natürlich alle, besonders den Baron, der Vatterale anstarrte, wie wenn er von den Toten auferstanden sei, denn dies wäre kaum erstaunlicher gewesen. Er bestätigte, daß die beiden genannten Zimmer tatsächlich existierten; wie jedoch Vatterale zu solcher Kenntnis gekommen war, erschien durchaus rätselhaft, denn er hatte uns keinen Augenblick verlassen und mit der Dienerschaft kein Wort über die Wohnung gesprochen.
Wir hatten uns von unserer Überraschung noch nicht erholt, als wir schon wieder merkten, daß wir es mit einem außergewöhnlichen Menschen zu tun hatten, denn er wandte sich an mich und bat mich, ihm eine kleine Metallmünze zu leihen, die ich etwa zehn Minuten bevor er – Vatterale – das Haus betreten, von einem Freunde erhalten hatte. Ich gab Vatterale die Münze, er steckte sie in die Tasche, nahm eine Reihe elfenbeinerner Täfelchen, schrieb etwas darauf und überreichte sie dann einer älteren Dame, der Marquise de Fronde, einer Milchschwester des Barons. Das Geschriebene enthielt eine Frage, die so seltsam war, daß die alte Dame sie sogleich laut vorlas: »Will die Frau Marquise die Güte haben, sich in den Alkoven zurückzuziehen und die Metallplatten an den Sohlen und Absätzen ihrer Schuhe zu entfernen, sodann die Kupfer- und Zinkplatten zu trennen, die Platten des gleichen Metalls zusammenzulegen und sie wieder an ihren Schuhen anzubringen?« Die Marquise fiel vor Verwunderung fast in Ohnmacht, denn kein Mensch wußte, wie sie behauptete, daß sie tatsächlich solche Platten trug, und zwar schon seit etwa zehn Jahren, weil sie elektrische Ströme erzeugten und diese wohltätigen Einfluß auf ihre Nerven übten. Sie zog sich zurück und zeigte uns dann nach einer Minute die Platten, die genau so waren, wie sie Vatterale beschrieben hatte. Nachdem sie sich abermals für eine Weile entfernt hatte und die Platten wiederum in der gewünschten Weise befestigt waren, kehrte sie auf ihren Platz zurück. Nun brachte Vatterale einen kleinen Mantelsack, den er schon beim Betreten des Hauses in der Hand getragen hatte, herbei und entnahm ihm drei kleine Rollen Draht, ferner eine große Saucière aus sehr dickem Porzellan, eine Phiole mit einer farblosen Flüssigkeit, eine Schachtel mit Kleister und endlich zwei große völlig leere Flaschen mit so dünnen Wänden, daß man hindurchsehen konnte. Sie waren offenbar aus dem feinsten Kristallglas hergestellt. Schließlich entnahm er dem Sack noch etwas, was wie drei Papierrollen aussah, von denen die eine sehr umfangreich, die beiden anderen ziemlich klein zu sein schienen. Er entrollte die größere und breitete sie am Boden aus. Sie hatte etwa drei Fuß im Durchmesser und war mit allen möglichen Farben und seltsamen Figuren bemalt. Der Mittelpunkt dieses Blattes lag jetzt genau im Mittelpunkt des Dreiecks und somit genau unter dem Kronleuchter. »Das symbolische Bild des Universums«, erklärte er. Darauf stellte er die Saucière in die Mitte der symbolischen Karte, wenn man es so nennen will. Dann spannte er den Draht hinter den Köpfen der Herren der einen Reihe aus und befestigte ihn an den beiden anderen Drähten, die er vor den zwei anderen Seiten des menschlichen Dreiecks gezogen hatte. Der Draht, den wir mit der einen Hand hielten, während wir mit der andern die des Nachbars faßten, war auf der Seite der Damen aus gewöhnlichem versilberten Eisen, auf der unserigen aus vergoldetem Stahl und auf der dritten noch übrigen aus massivem Golde, das mit Seide umsponnen war. Die Damen hielten den Draht mit der linken Hand, die Herren dagegen mit der rechten. Nun schüttete Nibchi die Hälfte des Kleisters und die farblose Flüssigkeit in die Saucière und zündete das Ganze an. Es brannte mit heller, bläulicher Flamme, wobei sich ein eigentümlicher, jedoch nicht unangenehmer Geruch im ganzen Zimmer verbreitete.