Während dieses Verbrennungsprozesses saß der Experimentator auf seinem Stuhle und starrte angestrengt nach dem offenen Fenster, während wir übrigen fröhlich plauderten und uns verwundert fragten, was wohl alle diese seltsamen Vorbereitungen bedeuten sollten.

Ich sagte, wir plauderten fröhlich, muß aber dabei eine Person ausnehmen und das war – ich selbst, denn es war mir unmöglich, mich mit der Unbefangenheit der anderen an der Unterhaltung zu beteiligen. Ich hatte die schrecklichen Ereignisse dieses Tages noch nicht vergessen und auf meinem Gemüt lastete ein Alp. Der »Geist Ravalettes« schien unsichtbar über mir zu schweben und ich glaubte, seine Gegenwart deutlich zu fühlen. Die Vorfälle in Belleville drängten sich immer wieder vor mein geistiges Auge: die Wette mit dem Gärtner, das Weib am Schlagbaum und dann die grauenvolle Szene in der Rue Michel le Compte, die unzweifelhaft auf der Guillotine mit dem Tode D'Emprats ihr Ende finden sollte, endlich die überirdischen Mittel, durch die sein Verbrechen – der schreckliche Mord vor 37 Jahren – ans Licht gebracht wurde; dies alles bedrückte mich so, daß ich für die augenblicklichen Vorgänge wenig Interesse übrig hatte. Tatsächlich achtete ich auch wenig auf Nibchi und seine Tricks, die ich, als ich seine Vorbereitungen sah, nicht nur verachtete, sondern ohne weiteres in das Gebiet der Gaukelei verwies, wenn auch manches daran merkwürdig und überraschend sein mochte.

Man wird gleich sehen, auf wie schreckliche Weise ich gewahr werden sollte, daß ich den Mann vor uns so falsch eingeschätzt hatte.

Seine Geschicklichkeit in der Entdeckung der Münze, des Sofas und der Platten konnte mich nicht überraschen, denn ich erinnerte mich an Kaspar Hauser und andere dieser Art, die durch einen »magnetischen Sinn« die Gegenwart von Metallen feststellen konnten. Auch seine Beschreibung des Schlafzimmers im dritten Stock war sehr einfach zu erklären, da fast alle alten Häuser solche Zimmer im dritten Stock haben und sein Scharfsinn ihn leicht die nötigen Schlüsse ziehen ließ. So konnte ich, dem die Taten des mystischen Ravalette noch frisch im Gedächtnis hafteten, kein sonderliches Interesse für die Spielereien aus der niederen Magie haben, die der Hexenmeister vor uns, wie ich überzeugt war, gleich vorführen würde.

Plötzlich stand der Mann, an dem ich soeben innerlich eine so vernichtende Kritik geübt hatte, von seinem Stuhle auf, warf das Haupt zurück, so daß seine langen, wallenden Locken auf die Schultern fielen und murmelte zwischen den Zähnen, wie wenn ihm das Hervorbringen der Worte den größten Schmerz bereitete: »Er kommt!« Dabei sahen wir, daß sein Gesicht, das für gewöhnlich von einem schmutzigen Gelb war, plötzlich eine aschgraue Färbung annahm, während seine Augen Funken sprühten. Gleichzeitig legte er seine rechte Hand auf die linke Brustseite. Es schien, als wollte er eine plötzlich aufsteigende Angst unterdrücken, dann rief er zu uns gewandt: »Sehen Sie scharf hin! Seien Sie stark! Seien Sie furchtlos! Geben Sie acht! Wenn Sie eine gräßliche Gefahr vermeiden wollen, so rühren Sie sich nicht von Ihren Sitzen! Halten Sie die Schnur und fassen Sie sich an den Händen, sprechen Sie, was Sie wollen, aber bewegen Sie sich keinen Zoll von Ihren Plätzen, geschehe, was da wolle! Es wird sich etwas Überraschendes ereignen!«

Wir erklärten unsere Zustimmung und einige aus der Gesellschaft begannen sogar über seine Zauberei zu scherzen, als wir plötzlich alle von unseren Sitzen aufsprangen, aber sofort durch einen zornigen Blick und eine herrisch befehlende Geste seiner Rechten zurückgewiesen wurden. Unser gleichzeitiges Aufstehen war durch einen gellenden Schrei verursacht worden, der nicht, wie man vermuten könnte, von einer Frau, sondern von einem Herrn namens Theodor Dwight, einem Amerikaner aus Philadelphia, der zurzeit in Paris wohnte, ausgestoßen worden war.

Er ist, wie alle, die ihn kennen, bestätigen werden, durchaus kein schwacher, hysterischer, nervöser Mensch, und man dürfte auf der ganzen Welt kaum einen Mann finden, dem diese Eigenschaften weniger zu eigen sind als ihm.

Der Schrei, der von seinen Lippen kam, schien von Entsetzen und Todesangst eingegeben, wie ihn wohl ein Verdammter in der Hölle ausstoßen mag. Es war in der Tat ein Anfall von schrecklicher, tödlicher Furcht. Alle Augen wandten sich nach ihm. Er war leichenblaß – ein Bild des Todes, seine Augen quollen aus den Höhlen und er zitterte am ganzen Körper. Er war durchaus unfähig, den Grund seines Schreckens anzugeben, aber sein Blick hing mit dem Ausdruck unaussprechlichen Entsetzens an der Saucière am Boden. Instinktiv sahen auch wir hin, ausgenommen Vatterale, der noch immer auf das offene Fenster starrte. Welch ein Anblick bot sich uns! Die Saucière war noch da, die zwei kleinen Papierrollen aber waren verschwunden! Sie waren weg und statt ihrer sahen wir deutlich – denn erinnern Sie sich wohl, gerade über unseren Köpfen erstrahlten sieben Gasflammen im hellsten Lichte! – sahen mit eigenen Augen, ich wiederhole: mit unseren physischen, körperlichen Augen, drei schreckliche Wesen, die etwa wie ungeheure Skorpione aussahen, nur daß sie statt der Klauen Arme und Hände hatten! Und zwar genau die Arme und Hände eines neugeborenen Negerkindes. Diese scheußlichen Dinger, denn ich wage nicht, Gott damit zu lästern, daß ich sie Kreaturen nenne, waren am Rücken etwa fünf Zoll breit bei achtzehn Zoll Länge und von dunkelroter Farbe, die mit purpurnen, grünen und gelben Streifen und Flecken durchsetzt war. Außerdem waren sie vollständig mit Schuppen bedeckt, ähnlich wie ein Gürteltier. Stellen Sie sich, wenn Sie können, zwei Taranteln oder eine Spinne von dieser Größe vor, die sich auf zwölf Beinen von je 16–18 Zoll Länge fortbewegten und dabei mit ihren zwei je 18 Zoll langen Armen und Händen herumtasten, die drei Viertel der gesamten Körpergröße ausmachten, dann haben Sie ein einigermaßen richtiges Bild dieser grausigen, häßlichen Ungeheuer, die da um die Saucière auf dem Boden herumkrochen oder vielmehr stelzten.

Das eine der ekelhaften Wesen hatte vier große hervorquellende Augen, ähnlich denen eines indischen Riesenfrosches; sie funkelten – und und ich glaube, kein Feuerfunke hätte heller leuchten können – sie funkelten, sage ich, in einer geradezu infernalischen Röte, denn mit jedem Blick schienen sie das gesammelte Gift einer Meduse zu entsenden. Unter ihrem schrecklichen Bann saßen wir alle unbeweglich vor Furcht.

Wie groß unser Entsetzen gewesen wäre, wenn die Ungeheuer es sich hätten einfallen lassen, auf uns loszugehen, wage ich mir nicht vorzustellen, sie bewegten sich jedoch immer nur auf der gleichen Spur rund um die Saucière auf dem Boden. Wir fühlten und wußten, daß es wirkliche lebende Wesen waren, nicht nur eine optische Täuschung oder irgend eine auf mesmerische oder andere Weise erzeugte Vorspiegelung. Diese Ansicht wurde noch auf handgreifliche Weise dadurch bestätigt, daß sie, als sie so dämonisch-feierlich auf dem Mittelpunkt der symbolischen Karte umherwandelten, auf dieser einen Streifen von Ichor oder Eiter – grünlichem, geronnenem Eiter – hinterließen. Tropfen davon fielen auf den Teppich, auf dem die Karte lag. Einige Monate später unterhielten wir uns brieflich über die Ereignisse dieser Nacht und der Baron schrieb mir, daß kein einziges chemisches Mittel die Flecken auf dem Teppich zu entfernen vermöchte, obwohl hunderte der verschiedensten Chemikalien verwendet worden waren. Das war aber noch nicht alles, denn bei einem ihrer Rundgänge verließ eines der beiden Scheusale die Karte ein wenig und streifte den Fuß des Barons, worauf es eine stinkende Flüssigkeit ausspritzte, von der etwas auf seinen Schuh fiel; und an der betreffenden Stelle wurde das Leder geschwärzt, wie wenn es mit einem glühenden Eisen berührt worden wäre.