»Redet mir daher nicht mehr von Gaukelei! Redet mir nicht von optischer Täuschung oder betrügerischen Vorspiegelungen angesichts solcher Tatsachen!« schrieb mir der Baron, »das sind greifbare Beweise, die jeden Widerspruch verstummen machen. Sie wurden in jener Nacht verursacht, und sie sind noch jetzt da. Und wenn ich auch rufe: »Fort, verfluchte Flecken!« so bleiben sie trotzdem als Zeugen lebender, seltsamer, unwiderleglicher Tatsachen!«
»Aber warum sprangt Ihr unter solchen Umständen nicht einfach alle auf und verließt das Zimmer?« das ist eine ganz natürliche und vielleicht nicht einmal unvernünftige Frage, die man mir hier nicht mit Unrecht entgegenhalten könnte. Ich erwidere darauf: aus mehreren Gründen, von denen ich einige nennen will. Zunächst waren alle Türen fest verschlossen und obwohl wir gesehen hatten, daß Nibchi auf einen Stuhl stieg und die Schlüssel mit dem erwähnten Bande an dem Kronleuchter befestigte, sahen wir, als wir nachher hinblickten, daß sie ebenso wie die Papierrollen verschwunden waren. Zweitens waren die Fenster unten geschlossen und außerdem lagen sie in ziemlicher Höhe – mindestens 15 Fuß – über dem Boden; durch sie zu flüchten kam gar nicht in Frage; im übrigen dachten wir auch nicht an diese Möglichkeit. Drittens stand vor unserem Gedächtnis die ernste und feierliche Ermahnung Vatterales, daß uns, wenn wir uns nicht bewegten, nichts Schlimmes zustoßen werde, wenn wir auch erschrecken würden.
Außerdem hätten wir das Zimmer nicht verlassen können, auch wenn alle Türen offen gewesen wären. Haben Sie nie von der faszinierenden Macht der Gefahr gehört? Nun, wir befanden uns damals in ihrem Bann. Wir waren an jenen Platz gebunden, gefesselt, festgenagelt von einer Gewalt, die man nie verachten sollte, denn wenn sie einmal ihr Opfer festhält, ist sie erbarmungslos, grausam und unnachgiebig. Wir fühlten, daß jede Bewegung die Möglichkeit einer unbekannten, unerwarteten Gefahr heraufbeschwören würde. Alle waren von Schrecken gelähmt. Eine Bewegung hätte unser Entsetzen noch um das Zehnfache gesteigert! Wir hatten bei dem ganzen Vorgang ein Gefühl, wie das des Inders, der aus seinem Mittagsschlummer aufgeschreckt die feuchten Windungen der Kobra langsam unter seinem Gewand auf dem nackten Körper kriechen fühlt, und weiß, daß, während sein Herzschlag stockt, sein Blut zu Eis erstarrt und große Tropfen kalten Schweißes aus jeder Pore hervorbrechen, jede Bewegung, jeder Atemzug, ja ein bloßes Zittern den unbedingten sicheren Tod bedeutet.
So war also das Gefühl, das die achtzehn Personen damals durchdrang, als die drei Scheusale langsam um die Saucière am Boden herumkrochen und uns mit ihren großen, hornigen, vorstehenden Augen ansahen, die fortwährend funkelten und blitzten und einen Ausdruck von geradezu teuflischer Bosheit hatten. Ich fürchte, daß die weiblichen Mitglieder der Gesellschaft sich nie mehr von dem Schrecken jener Nacht erholt haben. Sie fielen nicht in Ohnmacht und schrien nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, und zwar einfach aus dem Grunde nicht, weil die Spannung der Seele und der Nerven zu stark war, als daß auch nur für einen Augenblick jene Reaktion hätte eintreten können, die ein unbedingtes Erfordernis für die erwähnten Wirkungen ist.
Wahrscheinlich betrug die Zeit, die von dem Schrei unseres Freundes bis zum Verschwinden der drei Monstren verstrich, noch nicht einmal drei Minuten, aber wir erlebten in dieser kurzen Spanne Jahre des Entsetzens.
Tatsächlich wird ja die Zeit nicht nach den Schlägen der Uhr gemessen, sondern nach den Erregungen der Seele und dem Pochen des Herzens. Nach Verlauf der angegebenen kurzen Zeit erhob sich Nibchi, nahm ein kleines Körbchen aus seinem Mantelsack, ergriff dann furchtlos eines der drei Wesen nach dem andern, schlug ihnen sorgfältig die Beine übereinander und legte sie schließlich so in den Korb. Dann nahm er die zwei Kristallflaschen, legte sie der Länge nach mit den Öffnungen gegeneinander auf die Karte und ließ sich wieder auf seinen Stuhl nieder, ohne ein Wort über den Zweck dieser Manipulationen zu verlieren. – Und da begann es auf einmal dunkel zu werden. Die Gasflammen schienen weniger hell zu brennen. Binnen kurzem war der Raum finster, allerdings nicht vollständig, denn es war noch ein unbestimmtes Zwielicht da, eine Art bläulicher, halb mattrötlicher, nebliger Ausstrahlung, die gerade hinreichte, uns die einzelnen Dinge vag und undeutlich unterscheiden zu lassen.
»Rühren Sie sich nicht! Fürchten Sie sich nicht!« sprach da wieder die fette Stimme Vatterales, und bevor wir antworten konnten, trat ein Ereignis ein, das nur selten ein Mensch gesehen:
Kaum waren nämlich die Worte verklungen, als das Zimmer plötzlich hell beleuchtet schien, wie wenn die Luft selbst mit glänzendem Licht erfüllt wäre, und wir erkannten die beiden Flaschen ganz deutlich. Aus der einen kroch jetzt eine riesige Schlange und streckte sich, bis ihr Körper das dreifache des Volumens der beiden Flaschen hatte. Dann kam eine zweite, eine dritte und so fort, so daß schließlich nicht weniger als zwölf Schlangen dalagen. Als die letzte jedoch aus der einen Flasche hervorgekrochen war, zog sich die erste sogleich in die andere Flasche zurück und so verschwanden sie alle wieder der Reihe nach, wie sie gekommen waren.
»Ich will Ihnen jetzt beweisen, daß Sie nicht immer Ihren Sinnen trauen können,« sagte Vatterale, »und nicht immer für das bürgen können, was Sie gesehen haben,« und dabei stülpte er den Korb um und zerschlug die Flaschen. Sie waren sämtlich leer! Keine Spur von einer Schlange oder einem Skorpion war mehr vorhanden!
»Nun will ich Ihnen noch etwas Merkwürdiges zeigen. Rufen Sie, bitte, eine Magd und lassen Sie sie auf einem dieser Stühle Platz nehmen. Lassen Sie sie dann unter irgend einem Vorwand einen Strang Seide zum Abwickeln halten – nur, um ihre Aufmerksamkeit zu fesseln –, das ist alles. Aber,« setzte er mit großem Ernst hinzu, »was Sie auch sehen und hören werden, sprechen Sie kein einziges Wort!«