Wir stimmten zu und ein Strähn Seide wurde gebracht.

»Es wird genau 17 Minuten dauern, bis das Mädchen fertig ist«, sagte Nibchi, »und ich will Ihnen in der Zwischenzeit einen kleinen Betrug demonstrieren. Die Kreaturen, die Sie vorhin gesehen haben, sind wirklich, aber nicht von Dauer – es sind Schöpfungen des Willens, die untergehen, wenn die Macht zu wirken aufhört, die sie ins Leben gerufen hat. Zum Beweis dessen, sehen Sie dort hin!«

In der östlichen Ecke des Zimmers begann aus dem Boden ein heller Nebel aufzusteigen, der sich immer mehr verdichtete, bis schließlich eine Dampfwolke von etwa 3 Fuß Durchmesser in der Luft schwebte. Sie blieb etwa eine Minute lang so stehen, dann veränderte sie allmählich ihre Form und nach Verlauf von weiteren vier Minuten hatte sie die Gestalt eines Menschen angenommen – oder richtiger, der Karikatur eines Menschen!

Zuerst hatte die Gestalt nur nebelhafte Umrisse, die aber schnell klarer und bestimmter wurden, bis ein halbnacktes krummbeiniges, sperrfüßiges Ungeheuer vor uns stand. Es war nicht größer als drei Fuß, die Breite der Brust und des Bauches betrug nahezu ebenso viel, während die Beine nicht über acht Zoll maßen; die Arme dagegen waren so lang wie der ganze Körper. Der Kopf, der ohne Übergang eines Halses auf dem Rumpfe saß, war geradezu gigantisch und an ihm hing eine wirre Masse fadenförmiger Würmer bis auf den Boden herunter. Sein Mund war ein fürchterlicher roter Abgrund, der bis dahin reichte, wo sonst die Ohren zu sitzen pflegen, die ihm völlig fehlten. Ebenso war von Augen, Nase, Wangen, Kinn, Lippen und Stirne nichts zu sehen. Glauben Sie ja nicht, daß dies nur eine Erscheinung war, denn, obwohl aus Dampf entstanden, wurde es in fünf Minuten so fest wie Eisen, was es dadurch bewies, daß es schwer und gewichtig durch das Zimmer stampfte bis in die Mitte des freien Raumes zwischen unseren Stühlen, um dort stehen zu bleiben, leise hin und her schwankend, wie wenn sein Herz zu schwer wäre.

»Zeige, was du kannst,« befahl Vatterale. »Sogleich«, zischte es und ging auf einen Tisch zu, an dem es einige Minuten stehen blieb, worauf dieser sich zu drehen begann, sich nach allen Seiten neigte, sich schließlich in die Luft erhob und schwebte, genau wie man dergleichen in spiritistischen Sitzungen zu sehen pflegt.

»Nun, meine Damen und Herren, bitte ich genau so zu tun, als ob dies hier ein menschlicher Geist wäre, der darauf brennt, Nachrichten aus dem Jenseits zu bringen. Sie werden von den Ergebnissen überrascht sein. Sie haben schon gesehen, daß er ein ausgezeichneter Tischrücker ist, nun bitte ich Sie, auch seine geistigen und körperlichen Kräfte ebenso zu erproben; jetzt, wo ich Ihnen erlaube, das Schweigen, das für den ersten Teil dieses Versuches sehr wichtig war, zu brechen, haben Sie nichts mehr zu fürchten.«

Daraufhin baten mehrere von uns das Wesen um eine Äußerung und sogleich machte es Bewegungen, wie wenn es schreiben wollte. Wir legten ihm Bleistift und Papier vor, es ergriff den Stift mit seinen langen, klauenartigen Fingern und seine Hände flogen wie der Blitz über das Blatt. In zehn Sekunden war es fertig und bekundete dies, indem es dreimal mit der Faust schwer auf den Tisch schlug. Herr D… nahm das Papier an sich und las; es war eine der zärtlichsten Botschaften, die wohl je eine tote Mutter an ihren lebenden Sohn gerichtet hat, sogar die Handschrift war die seiner Mutter, auch der Name – Lucy – stimmte, auch verschiedene Eigentümlichkeiten im Ausdruck waren genau wiedergegeben. Herr D… erbleichte. »Ist es möglich, daß ich so schändlich betrogen wurde?« rief er erschüttert, denn er war ein überzeugter Anhänger des modernen Spiritualismus.

Das geisterartige Ding gab sodann noch mehrere gleich gut gelungene und überzeugende Proben seines Könnens, sowohl durch Schreiben, Tischrücken und -klopfen, wie auch durch Erscheinenlassen von Geisterhänden, -gesichtern, -blumen und anderen Gegenständen, von denen sich viele nicht nur durch ihre Seltenheit, sondern auch durch ihre hohe Schönheit auszeichneten. In weniger als fünf Minuten hatte das augenlose Monstrum dreizehn solcher Bilder ausgeführt, die man als glänzende Muster »magischer Kunst« betrachten konnte.

»Jetzt zu etwas anderem«, sagte Vatterale, und wandte sich an die Gestalt: »Du wirst dich jetzt unsichtbar machen und uns zeigen, was für ein Musiker du bist!« Dann bemerkte er zu uns: »Wirkliche Geister lieben das Licht, solche aber wie dieser da, arbeiten im Dunkeln ebenso gut, denn sie haben den Vorteil, daß sie in direkte Berührung mit materiellen Substanzen kommen können, was für wirkliche Geister sehr schwierig ist.«

Während seiner Worte war unsere Aufmerksamkeit von seinem Geschöpf abgelenkt – ich sage: »seinem« Geschöpf –, denn man darf nicht vergessen, daß die ganze Erscheinung lediglich eine Inkarnation seines bewußten Willens und nur durch einen Gedanken ins Leben gerufen worden war und wieder zum Verschwinden gebracht werden konnte. Freilich gibt es auch andere, die solche schöpferische Fähigkeit besitzen, aber diese Leute üben ihre Kraft entweder unfreiwillig durch mechanische Willensvorgänge aus, oder sie sind als Medien nur die Werkzeuge der »Larven«. Als Vatterale zu Ende gesprochen hatte, war der Geist verschwunden, d. h. für unseren Gesichtssinn, nicht aber für das Gehör, denn als er seine Hand leicht bewegte, ertönte sofort die zarteste süßeste und ergreifendste Musik, die je ein Mensch gehört hat. Sie schien überall zu ertönen, über uns, unter uns, um uns, bald hier, bald da, bald ganz nahe, bald in weiter Ferne; ich könnte sie nur mit einem feierlichen Requiem vergleichen, das von Engeln über der zerstörten körperlichen Form eines Gottes gesungen wurde. Die Töne klangen so erhaben und majestätisch und dabei so wehdurchzittert, daß sie lebhaft an das klagende