Fig. 123. Decke von einem braunen Lederbande in der Ratsbibliothek zu Ochsenfurt.

Fig. 124. Teil der Decke des Gerichtsbuchs der Stadt Ochsenfurt.

Das System der ineinander gesetzten Rahmen führte dahin, daß die in der Mitte übrigbleibende Fläche sich als ein schmales rechteckiges Feld darstellte, das nun entweder der ganzen Länge nach mit einem Stock bedruckt oder ein- oder mehrfach der Breite nach geteilt wurde, um für den zu benutzenden Stock oder für ein aus Stempeln zusammengesetztes Ornament ein passendes Feld zu erhalten. Um diesem unschönen langen Mittelfelde aus dem Wege zu gehen, ordnete man die Querteilung auch wohl schon nach der ersten oder zweiten Rahmung an ([Fig. 124]), verwendete die Querleisten zur Anbringung von Inschriften und suchte die übriggebliebene Fläche mit kleinen Handstempeln zu beleben. Noch ein anderes Mittel gab es, um der übermäßigen Schlankheit des Mittelfeldes zu steuern: es bestand darin, daß man die Querschenkel des ersten oder zweiten Rahmens mit einem breiteren Ornamente füllte als die Längsschenkel. Man verdoppelte dabei gern das Ornament der ersteren, indem man es in umgekehrter Stellung wiederholte. Vorzugsweise wurde in dieser Weise die an Posamentierarbeit erinnernde Kranzrolle verwendet, die aus zwei sich durcheinander schlingenden Schnüren gebildet ist und nach oben zu eine büschelartige Blume treibt. (Ursprünglich ein romanisches Friesornament mit Palmetten und noch bis tief ins 18. Jahrhundert hinein im Gebrauch.) Eine solche Verdoppelung weist unsere Abbildung ([Fig. 125]) in dem zweiten Rahmen auf. Auf dieser Decke gibt sich, nebenbei bemerkt, bereits der Einfluß der italienischen Zierweise in der Anordnung des Mittelfeldes kund (Eckstücke und frei schwebendes Mittelstück), von der später die Rede sein wird.

Fig. 125. Meßbuch aus dem Dom zu Bamberg.

Während die Renaissancebewegung so gut wie gar keinen Einfluß auf das für die Decke übliche Dekorationssystem ausübte und vorerst nur eine spärliche Verwendung des Goldstempeldrucks, der inzwischen in Italien zur Herrschaft gelangt war, herbeiführte, zeigt sich derselbe bisweilen sehr entschieden in dem abgerollten Rankenwerk der Borden, das durch seine feinere, flüssigere Zeichnung, seine klaren Formen und anmutig bewegten Linien auf italienische Vorbilder hinweist ([Fig. 125], äußerer Rahmen). Im übrigen hielt man mit großer Zähigkeit an den überlieferten Motiven fest. Eine besondere Vorliebe bekundet der deutsche Geschmack für die mit Brustbildern, halben und ganzen Figuren durchsetzten Borden. Sie behielten noch bis ins 17. Jahrh. hinein ihre Geltung; die Renaissance änderte nichts an dem formalen Wesen derselben, sondern nur an dem Sinne der Figurenbilder, indem an die Stelle der Mutter Gottes und Heiligen die Helden des Altertums und der nordischen Sage, auch Bildnisse von Kaisern und Königen, von Reformatoren (auf Bibeln) u. s. w. traten. (Vergl. [Fig. 123] u. [124].)