Fig. 122. Decke von braunem Leder mit Stockdruckverzierung. Um 1530. Nach Techener.

Je mehr sich die Bücherproduktion hob und die Buchbinderei neuer Kräfte bedurfte, entwickelte sich auch eine lebhaftere Thätigkeit der Stempelschneider, die es nun nicht mehr bei dem Handstempel bewenden ließen, sondern auch größere Platten lieferten. Mit Hilfe dieser wurde das mühsame Nebeneinanderdrucken kleiner Ornamente zur Füllung der Mittelfläche überflüssig. Die frühesten dieser zweifellos mit einer hölzernen Presse (Stockpresse) eingedruckten »Stöcke« treffen wir vorzugsweise auf niederrheinischen Decken kleineren Formats von braunem Kalbleder, deren Lempertz in seinen »Bilderheften zur Geschichte des Bücherhandels« mehrere veröffentlicht hat. Unser aus dem Werke von Techener entlehntes Beispiel ([Fig. 122]) gibt die sich mit einzelnen Abänderungen stets wiederholenden Grundzüge dieser Gruppe von Einbänden wieder. Zwei längliche Rechtecke mit einem als aufsteigende Füllung entwickelten Ornament sind nebeneinander angeordnet und bilden den Spiegel eines Rahmens, auf dem häufig eine umlaufende Inschrift angebracht ist, die in vielen Fällen den Namen des Binders mit den üblichen Zusätzen enthält. Sie lautet in unserem Beispiel:

Ludovicus Bloc ob laudem Christi hunc librum recte ligavi,

zu deutsch:

Ich, Ludwig Bloc, habe dies Buch zur Ehre Christi ordnungsmäßig gebunden.

Das so umrahmte Stück erscheint auf einer und derselben Decke meist zwei-, mitunter auch dreimal übereinander, ja selbst viermal paarweise angebracht, je nach Maßgabe des Formats. Bei unserem Beispiel bleibt zwischen den beiden gleichartigen Stücken ein langes Rechteck frei, dem eine figürliche Komposition, ein Bauerntanz, wahrscheinlich die Nachbildung eines Kupferstichs, als Füllung dient. Das S-förmige Rankenornament mit den Tierfiguren in jedem Bogenfelde ist rein gotisch gedacht und stammt vermutlich aus den Miniaturen gotischer Handschriften her.

Gleichwohl dürfte der Einband selber, wie aus dem Charakter der Schrift zu schließen, erst dem zweiten Viertel des 16. Jahrhunderts angehören. Die Stempel und Stöcke, die ein sehr wertvolles Inventar der Buchbindereien bildeten, wurden nicht so rasch von dem Wechsel des Geschmackes beseitigt, wie dies auf anderen kunstgewerblichen Gebieten im Anschluß an die Renaissancebewegung in der Architektur der Fall war. Besonders ansprechende Muster wurden zweifellos mehrfach nachgeschnitten und dienten den verschiedensten Buchbindern, die mit einem zu dem Werte der eigenen Arbeit kaum in richtigem Verhältnis stehenden Eifer ihre Namen inschriftlich zu verewigen bemüht waren.

Unter diesen kleinen Platten kommen im Laufe der Jahre auch größere in Gebrauch, die bei kleineren Formaten oft die ganze Deckelfläche einnehmen. Die heilige Jungfrau und andere Gestalten der biblischen Erzählung und der Heiligenlegende, dann Wappen verschiedener Herrscherhäuser, Bildnisse der Reformatoren u. s. w. erscheinen inmitten einer schmaleren oder breiteren Umrahmung. In einzelnen Fällen scheinen Kupferstichplatten ohne weiteres für die Pressung benutzt zu sein. So findet sich in der Bibliothek des Börsenvereins der deutschen Buchhändler zu Leipzig ein Kölnischer Einband vom Jahre 1530, zu dessen Verzierung zwei Schrotplatten aus dem zweiten Drittel des 15. Jahrhunderts verwendet sind; bei einem anderen bildet das Mittelstück ein Bildnis, das auf Goldgrund gedruckt ist und in der flachen Art der Zeichnung ganz deutlich eine gestochene Platte erkennen läßt.

Die gesamte deutsche Buchbinderei bekundete bis tief ins 16. Jahrhundert hinein eine merkwürdige Gleichgültigkeit gegenüber den stilistischen Gesetzen der Flächendekoration. Ein gewisses Stilgefühl beherrscht noch die gotische Musterung der Innenfläche mit ihrem Rautennetzwerk. Mit dem Aufkommen der Rolle geht dasselbe aber mehr und mehr verloren. Die Verzierung der Innenfläche zeigt kein festes Gefüge, keine organische Gliederung. Man sucht mit den vorhandenen Stempeln, Stöcken und Rollen die Fläche zu mustern, wie es gerade paßt, unbekümmert darum, ob ein liegendes Ornament eine aufrechte, ein aufsteigendes eine horizontale Lage bekommt. Selbst bei figürlichen Motiven, wie auf unserem Beispiel, ([Fig. 122]) wird auf Kopf- und Fußende keine Rücksicht genommen.

Diese ästhetische Rücksichtslosigkeit hat zum großen Teile die gemusterte Rolle verschuldet. Sie gewährte der Druckarbeit eine wesentliche Erleichterung, indem sie für leisten- oder bandartige Ornamente (Borden) mit sich wiederholendem Motiv (Rapport) das Nebeneinanderdrucken einzelner Stempel überflüssig machte. Die Arbeit konnte also rascher gefördert werden, weshalb man sich so viel als möglich der Rolle bediente und damit auf das System der ineinander gesetzten rechteckigen Rahmen verfiel. Das Ornament bricht dabei nicht selten bei dem Zusammenstoß der seitlichen mit den oberen und unteren Schenkeln stumpf ab (läuft sich tot, wie der technische Ausdruck lautet); es fehlen die den Übergang vermittelnden Eckstücke, für welche die mit einem Blumenornament diagonal bedruckten Eckfelder (vergl. [Fig. 123]) nur einen mangelhaften Ersatz bieten.