Es erübrigt noch, der farbig bemalten Einbände zu gedenken, welche ungefähr gleichzeitig mit dem Aufkommen der Handvergoldung hauptsächlich in den sächsischen Landesteilen, namentlich in Wittenberg, aber auch am Niederrhein angefertigt wurden. Die von dem Kurfürsten Friedrich dem Weisen 1502 gegründete Universität nahm zur Zeit der Reformation einen hohen Aufschwung und führte eine lebhafte litterarische Thätigkeit herbei, die zahlreiche Pressen beschäftigte. Wie schon erwähnt, übte der Maler Lucas Cranach d. Ä., ebenso wie sein gleichnamiger Sohn, keinen geringen Einfluß auf die innere Ausstattung der Wittenberger Drucke aus, indem er Titelblätter und Illustrationen für Holzschnitt und auch sonstiges typographisches Schmuckwerk zeichnete. Er war selbst Besitzer einer Druckerei und hielt vermutlich auch eine eigene Buchbinderwerkstatt. Es unterliegt kaum einem Zweifel, daß von ihm der Versuch herrührt, dem Lederbande durch farbige Bemalung ein schmuckeres Ansehen zu geben. Diese bunten Einbände, bei denen sowohl das Rahmenwerk als auch das von ihm eingeschlossene Bildnis ziemlich grellfarbig erscheint, sind indes schwerlich für den täglichen Bedarf, sondern nur zu besonderen Zwecken angefertigt worden, da sie nur sehr vereinzelt (zwei in der Bibliothek des Börsenvereins zu Leipzig, zwei in Darmstadt, zwei in der Lempertz’schen Sammlung) anzutreffen sind. Sie haben daher auch nur die Bedeutung einer Absonderlichkeit, die keinerlei Nachfolge erweckte und auf die fernere Entwickelung des Bucheinbandes ohne Einfluß blieb.

Fig. 126. Italienischer Einband. gr. 4o. Ende des 15. Jahrh. Museum zu Crefeld.

Technisch betrachtet, war der deutsche Lederband des 15. und der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine musterhafte Leistung, ausgezeichnet durch tüchtige Arbeit. Die Holzdecke mit dem farblosen Überzuge gab ihm einen gediegenen, aber schwerfälligen Charakter, die Blindpressung bot dem Auge meist kleinliche in schmalen Streifen sich aneinander reihende Formen von dürftiger Erfindung. Es darf daher nicht Wunder nehmen, daß die romanischen Völker, als sie sich nach und nach die Erfindung Gutenbergs zu eigen machten, das äußere Gewand des gedruckten Buches anders gestalteten. Immerhin lassen frühitalienische Lederbände doch einen vorbildlichen Einfluß der deutschen Blindpressung erkennen, der sich auf der zur Erneuerung der schönen Künste berufenen Halbinsel im 15. Jahrhundert mit der vom Orient ausgehenden dekorativen Strömung begegnete. Das viereckige Wesen der deutschen Deckenornamentierung, das Einsetzen der kleineren in die größeren Rahmen ([Fig. 126], [127]), die steife Füllung des übrigbleibenden Mittelfeldes treffen wir auch hier; aber grundverschieden sind die Einzelmotive des Ornaments. Die durch Bandverschlingungen hervorgebrachte Musterung in [Fig. 127] weist auf orientalische Vorbilder, der Stempel mit der Lotosblume, mit dem der innere Rahmen bei [Fig. 126] gebildet ist, mahnt an die Dekoration antiker Thongefäße, der Stempel mit der stilisierten (heraldischen) Lilie und der mit dem Rautenmuster in [Fig. 127] mutet uns noch gotisch an.

Den Übergang von der Blindpressung zur Vergoldung bezeichnet eine Gruppe von venetianischen Einbänden mit gestrichenen äußeren Rahmen, innerhalb dessen ein Bandornament, mit der Rolle in Gold gedruckt, den inneren Rahmen bildet und die Gehrungsstellen mit einem Lilienstempel oder einem einfachen Blattmotiv ebenfalls goldig bedruckt sind. Das Mittelstück dieser ziemlich schlichten Decken, in deren Spiegel meist eine Raute in Blindpressung eingedruckt ist, bildet mitunter eine Nachahmung antiker Kameen durch Prägung und Malerei, weshalb man diese Gattung als Kameenbände zu bezeichnen pflegt.

Noch an einer anderen, dem Osten näher liegenden Stelle begegnen sich Morgenland und Abendland auf dem Gebiete der Buchbinderkunst, in der uralten Mönchskolonie im Athosgebirge auf der chalkidischen Halbinsel. Die Klöster am Athos waren stets von Mönchen verschiedener nationaler Herkunft bevölkert, und es ist leicht möglich, daß zuerst deutsche Mönche die deutsche Technik und zugleich die Dekorationsweise der Lederdecke dort eingeführt haben. Charakteristisch für diese, von Dr. Bock zuerst aufgefundenen Einbände ist der Umstand, daß die Holzdecken nicht wie in Deutschland abgeschrägt, sondern auf der hohen Kante rinnenartig ausgehobelt sind. Dieselbe Eigentümlichkeit zeigen auch die vorerwähnten italienischen Einbände des 15. Jahrhunderts. Auf einzelne Verschiedenheiten in der Art, wie die Decke und der Buchkörper verbunden zu sein pflegen, auf die Behandlung des Kapitals und der aus drei geflochtenen Schnüren bestehenden ledernen Zuhaltung (Schließen) gehen wir nicht näher ein, da sie für die historische Entwickelung der Deckendekoration keine Bedeutung haben. Von Interesse in dieser Hinsicht sind dagegen die zur Bordenbildung verwendeten Stempel, in denen hin und wieder sich ein Nachklang der Antike und ein Anklang an morgenländische Bandmotive neben entschieden deutschen Motiven (wie z. B. der Kranzrolle auf [S. 162]) erkennen läßt. Von einer dritten besonders merkwürdigen Begegnung der abendländischen und morgenländischen Lederzierkunst, die sich auf ungarischem Boden vollzog, wird weiter unten die Rede sein, nachdem wir uns von der Deckenverzierung mohamedanischer (persisch-türkischer und arabisch-maurischer) Handschriften ein deutliches Bild verschafft haben.

Fig. 127. Italienischer Einband. gr. 4o. Ende des 15. Jahrh. Museum zu Crefeld.