Fig. 170. Borde mit einem Spitzenstempel gedruckt. 17. Jahrh.

Fig. 171. Italienischer Einband mit Spitzen- und Fächerverzierung. 1645. Kunstgewerbemuseum zu Köln.

Das Schicksal des französischen Einbandes bestimmte in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts der vielgenannte Meister Le Gascon, von dessen Lebensschicksalen keine sichere Kunde auf die Nachwelt gekommen ist. Es gibt auch keinen Einband, der mit dem Namen Le Gascon gezeichnet wäre, ein Umstand, der französischen Forschern zu der Vermutung Anlaß gegeben hat, Le Gascon sei nur der populäre Beiname eines unbekannten Meisters, vielleicht des Florimond Badier gewesen, dessen Name sich auf einer Anzahl Einbänden findet, die dem Genre Le Gascon verwandt sind. Von andern wird diese Annahme wegen der spätern Lebenszeit Badiers bestritten, von dessen Arbeiten wir ein Beispiel ([Fig. 164]) mitteilen. Auf Le Gascon werden eine Reihe neuer Stempel zurückgeführt, deren Motive vorzugsweise den Spitzenmustern, zum Teil aber auch der Goldschmiedetechnik entlehnt sind. Seine punktierten Stempel ([Fig. 165]) für Spiralen z. B. lassen ihr Vorbild in Buchbeschlägen vom Anfang des 16. Jahrhunderts erkennen; ein derartiges Vorbild ist in dem Mittelstück eines im Museum zu Düsseldorf bewahrten Missale nachweisbar. Le Gascon war der erste, der seinen Einbänden ein doppeltes farbiges Vorsatz gab. Die Lederspiegel der Innenseite bestehen in den meisten Fällen aus grauem Leder, das mit denselben Stempeln, die für die Verzierung der Außenseite verwendet waren, vergoldet wurde.

Fig. 172. Von einem Einbande von Dérome. 18. Jahrh.

Die Grundzüge der Musterung, welche Le Gascon beobachtete, sind nicht immer dieselben. Was allen seinen Arbeiten gemeinsam ist, sind die ungemein zarten, punktierten (pointillés) Stempel, die bald als Ansätze an das Bandwerk erscheinen, bald in Spiralwindungen mit feinen Auswüchsen die Zwischenräume, die das Bandwerk frei läßt, wie mit einem Filigrangewebe überspinnen. ([Fig. 166].) Die zu Eckverzierungen oder zur Bezeichnung der Mitte eines umrahmten Feldes dienenden Stempel haben eine rautenähnliche Grundform ([Fig. 167]) mit mehr oder weniger deutlicher Betonung des Oben und Unten, der Wurzel und der Spitze.

In der Folgezeit kommt das Spitzenmotiv im Anschluß an die damalige Mode und Vorliebe für diesen Kleiderschmuck immer mehr zur Herrschaft. ([Fig. 168–170].) Auf Rollen eingeschnitten, vergröbert es sich indes zusehends, wie denn überhaupt seit den Tagen Le Gascons, dessen Lebenszeit kaum einige Jahre über die Regierung Ludwigs XIII. hinausgeht, ein Rückgang in der Buchbinderei Frankreichs sich bemerkbar macht.