In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts steht Roger Payne († 1797) an der Spitze der englischen Buchbinderei. Seine mit der peinlichsten Sorgfalt ausgeführten Arbeiten wurden im wahren Sinne des Wortes mit Gold aufgewogen. Er war hauptsächlich für Lord Spencer beschäftigt, der ihm einmal für einen einzigen Einband 80 Pfd. St., also 1600 Mark bezahlt hat. Ein bekanntes Meisterwerk von ihm ist ein Folioband, dessen Inhalt die Dramen des Aischylos bilden (Glasgow, 1795); die Rechnung darüber hat sich noch erhalten und beträgt 16 Pfd. St., 7 Sch., also 327 Mark. Von den Stempeln, die er verwendete, geben wir einige in Abbildung wieder ([Fig. 191]). Wie ersichtlich, hat der Zeichner die Naturform im Auge gehabt und nicht ungeschickt mit den schlichten Mitteln Blätter und Blüten, wie er sie sah, charakterisiert. Der realistische Zug, der die englische Malerei des vorigen Jahrhunderts beherrscht, kommt auch in diesen kleinen Ornamenten deutlich zum Vorschein. Der Streugrund wurde von Payne mit Vorliebe verwendet; in der Gesamtanordnung des Ornaments folgte er vorzugsweise dem französischen Beispiel.
Auch im 19. Jahrhundert hielt sich die Buchbinderkunst in England auf der erreichten Höhe. Kein Land hat eine so große Zahl reicher Bücherfreunde aufzuweisen wie England, und es ist begreiflich, daß auch keins so vielen Namen von Buchbindern zur Berühmtheit verholfen hat.
Der allgemeine Verfall des Kunsthandwerks im 18. Jahrhundert macht sich nirgends deutlicher bemerkbar, als in der Buchbinderei. Die besseren Ledersorten, wie das Maroquin und das Kalbleder, kommen mehr und mehr außer Gebrauch und werden durch Schafleder ersetzt. Als von besonders vornehmer Art erschien der Seidenband gegen Ende des 18. Jahrhunderts, wie er gern für Almanache und ähnliche, zu Geschenken für Frauen bestimmte Bücher verwendet wurde. Der Durchschnittsband hatte einen Lederrücken mit einem aufgeklebten Papierschilde. Wollte man ein übriges thun, so wurde das Leder marmoriert oder mit aufgesprengten Farben bunt gemacht.
Das 19. Jahrhundert zehrte anfangs noch an der Erbschaft früherer Zeiten und benutzte die alten Stempel oft in geradezu gedankenloser Weise. Was an neuen Zierformen hinzukam, war nichts weniger als mustergültig. In [Fig. 192] geben wir ein Beispiel dieser trostlosen Art der Deckenverzierung. Hier und da werden Versuche gemacht, etwas ganz Außerordentliches durch die Zusammensetzung von Bogen und Linien zu leisten, indem man sich dabei bis zur Wiedergabe architektonischer Gebilde verstieg. Ein äußerst beliebtes Kunststück war es, auf einer Fläche, die der Größe eines Felles Saffian entsprach, das Vaterunser zu drucken, und zwar so, daß die Form der Buchstaben aus Bogen, Linien und Stempeln hergestellt wurde.
Fig. 192. Decke von Krehan in Weimar. Mitte des 19. Jahrh.
Fig. 193. Ledermosaikband von Franz Wunder in Wien.
Die besten Buchbinder Deutschlands gingen damals außer Landes, um fern von der Heimat an dem Aufschwunge mitzuhelfen, der seit der ersten Weltausstellung in London auf allen Gebieten des Gewerbfleißes eintrat. Schon zwischen 1830 und 1840 kommt der deutsche Meister Purgold in Paris zu gebührendem Ansehen, später dessen Schwiegersohn Georg Trautz, der Begründer einer der vornehmsten Buchbindereien unter der Firma »Trautz-Bauzonnet«. In England gründeten nacheinander Baumgärtner und Kalthöfer Buchbindereien, die sich eines begründeten Ansehens erfreuten. Ihre Leistungen wurden indes noch weit übertroffen von Joseph Zaehnsdorf, der sich unter den mißlichsten Verhältnissen in die Höhe arbeitete und, unterstützt von seinem Mitarbeiter Mäullen, einem Rheinländer, seinem Geschäfte einen Weltruf zu verschaffen wußte. Er starb hochbetagt im Dezember 1886. Sein Sohn folgte ihm im Geschäft. Auch in Rom und Florenz entwickelten deutsche Buchbinder eine erfolgreiche Thätigkeit.