Im Anfange des 18. Jahrhunderts findet sich bereits der Spreng- oder Sprenkelschnitt mit seinen Abänderungen als Kleien-, Sand-, Körner-, Wachs- und Stärkeschnitt, mehr aber noch der Kleisterschnitt und gegen Ende des Jahrhunderts der marmorierte Schnitt. — Das laufende Jahrhundert brachte uns in seinen ersten Jahrzehnten den untermalten und unterfärbten Goldschnitt, den Goldschnitt mit Marmorierung darunter und darüber, vor allem aber die vollkommenste Ausgestaltung des Marmorschnittes. In der neuesten Zeit kamen hierzu der Zierschnitt mit Überdruck, welcher sich aber für die Dauer nicht zu halten vermochte, und der Goldschnitt mit mehrfarbigem Golde.

Über das zur Herstellung der verschiedenen Arten des farbigen Schnittes anzuwendende, bez. früher angewandte technische Verfahren geben wir im folgenden das Nähere an. Unter allen Umständen muß vor dem Beginn der Arbeit der Vorderschnitt sowohl wie der Oberschnitt mit dem Messer abgeputzt, d. h. die beim Beschneiden zurückgebliebenen Unebenheiten beseitigt, auch die ersten und letzten vorgeschossenen Blätter mit dem Lineal, besser noch aus freier Hand etwas schräg nach außen abgeschnitten werden.

1. Der Sprengschnitt. Noch in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts stellte man die Bücherschnitte durch Spritzarbeit her, indem man eine Bürste mit etwas Farbe befeuchtete, und, mit dem Finger über die Borsten streichend, die Farbentröpfchen gegen den Schnitt spritzen ließ. Jetzt bedient man sich eines Gitters, über das man mit der Farbenbürste streichend, einen Staubregen farbiger Tröpfchen auf die eingepreßten Schnitte fallen läßt. Zu diesem Ende werden die Bücher, sofern es sich um Vorderschnitte handelt, in handlichen Stößen übereinander geschichtet, und so in die Presse gesetzt, daß die Schnittränder den Balken gleichstehen. Oben und unten fügt man eine sog. Spalte ein, d. h. ein schmales Brett, etwas länger als die zu bearbeitenden Bücher und ungefähr 6 cm breit. Das Brett ist aber der Breite nach nicht gleichdick, sondern verläuft keilförmig. Dies hat den Zweck, das Buch am vorderen Rande kräftiger zu pressen als an den übrigen Stellen. Solche Spalten sind überall da unentbehrlich, wo Schnitte unter scharfem Druck mit einem Zahn geglättet werden sollen. Bei der Färbung der Oberschnitte legt man die Bände verschränkt, so daß der Vorderrand im Falz des nächstfolgenden Bandes liegt; oben und unten wird je ein Längenbrett vorgelegt.

Je feiner die Farbentropfen auffallen, desto schöner der Schnitt. Damit nun nicht größere Tropfen oder gar Klexe auf den Schnitt kommen, ist es notwendig, daß schon in der Bürste die Farbe gleichmäßig verteilt ist. Dies geschieht, wenn man etwas Farbe auf einen Stein oder ein Brett schüttet und mit der Bürste verreibt; außerdem übt man die Vorsicht, die gröbsten Tropfen vorher noch über ein Stück Makulatur auszuspritzen. Als beste Farbe zum Sprenkeln empfiehlt sich Kasseler Braun oder Nußholzbeize, die in jeder Farbwarenhandlung käuflich ist, da sie nur mit Wasser angerührt wird und keines weiteren Bindemittels bedarf.

Außerdem verwendete man früher mit Vorliebe Rot, Blau und wohl auch Grün. Heute sind diese Farben seltener geworden, wie denn überhaupt gesprenkelte Schnitte allmählich außer Gebrauch kommen. Am meisten werden sie noch als sog. Sand- oder Kleienschnitte angewendet. Das Verfahren ist folgendes. Auf einen weißen Schnitt wird leicht gefeuchteter Sand, Sägemehl oder Kleie aufgestreut, diese Stoffe decken einzelne Teile des Schnittes zu, welche weiß bleiben, während die unbedeckten Teile von der Farbe getroffen werden. Auf diese Weise entsteht eine Art marmorierter Schnitt ([Fig. 33]): Um Gleichmäßigkeit zu erzielen, hat man dafür zu sorgen, daß die aufgestreute Menge recht gleichmäßig verteilt ist, was mitunter die Nachhilfe mit einer Messerspitze erfordert.

Früher kannte man eine noch größere Auswahl von Sprengschnitten, deren Herstellung aber meist sehr umständlich ist. Dazu gehören Wachsschnitte (mit aufgetröpfeltem Wachs als Deckmittel), Körnerschnitte (mit aufgestreuten Körnern verschiedener Hülsenfrüchte) und Stärkeschnitte. Die letztgenannten werden noch heute dann und wann in Anwendung gebracht. Mit Geschick hergestellt, kann ein derartiger Schnitt recht gut aussehen und läßt mancherlei Abwechselungen zu. Die Stärke wird dabei zu einem honigdicken Brei mit Wasser angerührt und mit einem Pinsel aus Wurzeln, wie solche bei den Bürstenbindern zu kaufen sind, in groben Tropfen aufgespritzt. Nachdem die Tropfen ihre Feuchtigkeit an den Schnitt abgegeben haben und oberflächlich trocken geworden sind, wird die Farbe aufgesprengt, die Stärke später abgeklopft. Damit dies Abtrocknen schneller geht, überführt man den Schnitt vor dem Aufspritzen der Stärke mit einem Schwämmchen, das mit Spiritus getränkt ist; der Spiritus entzieht der Stärke den Wassergehalt. Um einen bunten Schnitt herbeizuführen, stellt man mehrere Näpfchen mit Stärke auf und gibt jedem einen Zusatz von Farbe, dem einen Blau, dem anderen Rot u. s. w. Die Stärke gibt dann einen Teil der Farbe an den Schnitt ab. Natürlich muß man darauf achten, daß schließlich noch einige Stellen von Farbe frei bleiben. Über das Ganze wird die Farbe dann recht kräftig dunkel aufgesprengt ([Fig. 34]).

Fig. 33. Sandschnitt, auch mit Kleie oder Sägemehl herzustellen.

Außerdem bediente man sich ehedem auch noch ausgeschnittener Schablonen, über welche der Schnitt gesprengt wurde, oder an ihrer Stelle durchsichtiger gemusterter Webstoffe. Als die sogenannte Spritzmalerei in den siebziger Jahren in Aufnahme kam, wurde dieselbe auch wohl auf Bücherschnitte mit Erfolg angewandt.