Auch für das sogenannte Sichselbstsehen sind Fälle genug vorhanden. Noch aus der Mitte dieses Jahrhunderts wird in Führt bei Neuß erzählt, daß der Küster abends in die Kirche gegangen, um dort die ewige Lampe zu schüren. Während er den Sohn erwartete, welcher ihm das notwendige Oel bringen sollte, hatte der Ermüdete sich in einen Beichtstuhl gesetzt und war darin unversehens eingenickt. Plötzlich wurde er durch den Ausruf: „Hier hast du deinen Rock!“ geweckt und sah eine dunkle Gestalt, die einen Sarg vor ihm hinstellte, dann aber mit dem Sarge eben so rasch wieder verschwand. Erschüttert kehrte der Küster heim und lag wirklich wenige Tage später als Leiche im Sarge.[23]

Nur mit großer Vorsicht sind die meisten Ankündigungen künftiger Brände aufzunehmen, da sie sich schon vielfach als absichtliche Täuschungen zur Verdeckung von Brandstiftungen entpuppt haben. Ein derartiger Verdacht ist auch bei den von Schell[24] erwähnten Vorzeichen vor dem Brande bei Radevormwald im Jahre 1863 oder 1864 nicht ausgeschlossen, während bei der nachstehenden „rätselhaften“ Geschichte die Vermutung nahe liegt, daß der „Seher“, von einem Komplott zur Anzündung des Schlosses irgendwie unterrichtet, diese durch einen, wenn auch nur halben Verrat habe vereiteln wollen. Der kurkölnische Soldat,[25] der in der Nacht zum 13. Januar 1777 im Hofe des Buenretiro[26] in Bonn auf Posten stand und von der Ablösung ohnmächtig gefunden wurde, bekundete, daß, als er kaum seinen Dienst angetreten, der bis dahin trübe Himmel an einer Stelle immer klarer geworden sei, bis sich aus der entstandenen Wolkenlücke ein dichter Feuerregen wohl zehn Minuten lang auf das Schloß ergossen habe. Er sei dermaßen erschrocken, daß er nicht einmal Lärm zu schlagen vermochte, und habe erst allmählich gemerkt, daß die Flammen nicht zündeten. Dann sei es wieder dunkel um ihn geworden, und die Wolken hätten sich geschlossen, um sich gleich darauf nochmals zu öffnen; nun habe er deutlich auf des Himmels blauem Grunde einen großen eleganten Sarg gesehen, umgeben von sieben kleineren, ärmer ausgestatteten Särgen. Als der Stadtgouverneur General de Cler die Aussage der Schildwache des Abends in einer größeren Gesellschaft zum besten gab, sagte der erst 36 Jahre alte Hofrat v. Breuning höchst befremdenderweise sofort: „Das ist mein Sarg!“ Die übrigen lachten, aber zwei Tage später wurde das herrliche Schloß mit seinen zahlreichen Kunstschätzen ein Raub der Flammen, die so gewaltig um sich griffen, daß der Kurfürst Maximilian Friedrich in seinen Nachtkleidern flüchten mußte. Der Buenretiro allein wurde gerettet, da die Flamme abermals, wie bei einer früheren Feuersbrunst (1689), bei der Kapelle des hl. Florian, des Fürbitters gegen Feuersgefahr, sich wendete, und das reiche Archiv durch die Pflichttreue seines Kurators, des Hofrats von Breuning, geborgen, dem, als er zum drittenmal, mit Schriften beladen, die glühenden und dampfenden Räume verlassen wollte, der einstürzende Thorweg das Rückgrat zerschmetterte. Als man seine Leiche im prächtigen Sarge zum Kirchhofe brachte, begrub man auch sieben Männer, die gleich ihm im Kampfe mit den Flammen den Tod gefunden. Das tragische Ereignis hat des Hofrats Witwe, die erst 1838 im Alter von 87 Jahren zu Koblenz starb, wiederholt bestätigt.

Der minder Begabte und nicht bis zum Schauen Gesteigerte „hört“: er hört den dumpfen Hammerschlag auf den Sargdeckel und das Rollen des Leichenwagens, hört den Waffenlärm, das Wirbeln der Trommeln, das Trappeln der Rosse und den gleichförmigen Tritt der marschierenden Kolonnen; er hört das Geschrei der Verunglückten und an Thür oder Fensterladen das Anpochen desjenigen, der ihn oder seine Nachfolger zur Hülfe auffordern wird.[27] Durch lautes Klopfen wurde einzelnen Leuten in Mettmann[28], Richrath[29] und Immigrath[30] der baldige Tod eines Nachbarn oder Angehörigen kund gethan; durch Rücken des Werkzeugs oder Klirren der Säge einem Schreiner in Wönkhausen[31] jede Anfertigung eines Sarges im voraus angesagt. Etwas ausgeschmückt ist folgende Sage:[32] Als ein Schreiner aus Burg Hoff an der Sieg einst spät abends nach Hause kam, hörte er drinnen hämmern und sägen. Einige Tage später starb jemand in der Nachbarschaft, und unser Schreiner bekam den Auftrag, den Sarg für den Verstorbenen anzufertigen. Da fand er in seiner Werkstatt, die er längere Zeit nicht benutzt hatte, ein Brett, das früher nicht dort gewesen und genau als Kopfstück eines Sarges zugeschnitten war. Er beschloß, davon keinen Gebrauch zu machen, aber ein neuhergestelltes Kopfstück riß beim Annageln, und mit einem zweiten ging es nicht besser; notgedrungen nahm er nun das unheimliche Brett – und der Sarg ward fertig.

Schneider und Näherin hören die Schere schnippeln, wenn sie bald ein Totenhemd fertigen sollen; doch kannte Florentin v. Zuccalmaglio (1803 bis 1869) in seiner Jugend auch eine Näherin, die ihm oft blaue Male an ihren Armen zeigte, die sie Geesterpetsche (Geisterkniffe) nannte und für Anzeichen hielt, durch die sich die Verstorbenen bei ihr anmeldeten.[33]

Mit Affektionen des Gehörs verbunden waren zwei Gesichte späterer Eisenbahnen. Im Wupperthale[34] schaute ein Mann vor ca. 80 Jahren eine ganze Reihe von Wagen, pfeilschnell mit Feuer vorwärts getrieben; als der Zug an die Stelle der jetzigen Station Remlingrade kam, ertönte ein schriller Pfiff. Ein Mann und zwei Frauen, die noch nie eine Eisenbahn gesehen, erblickten am Abend des zweiten Ostertages des Jahres 1839 oder 1840 zwischen Vollmerhausen und Gummersbach[35] bei Mondschein etwa sechsmal ein unbestimmtes Wesen kreisend durch die Luft brausen; oben auf dem Unnennbaren zeigte sich mitunter ein kleines bläuliches Licht, und dabei ließ ein Zischen sich vernehmen. Erst als der Mann einige Jahre nachher in Barmen eine Eisenbahn sah, wußte er, daß es eine Vorbedeutung der Bahn gewesen, die jetzt dort vorbeifährt.

Leider sind selbst viele Gesichte, die bedeutendere Ereignisse oder gar die Geschicke ganzer Orte und Gegenden verkündeten und uns hier ganz besonders interessieren, mehr oder weniger in Vergessenheit geraten. Von den zahlreichen Vorgeschichten z. B., die Köln in Brand oder mit glühenden Kugeln beschießen sahen,[36] konnte Dr. Kutscheit[37] nur noch eine einzige in Erfahrung bringen. Glaubwürdige Kölner erzählten ihm, wie im Anfange dieses Jahrhunderts der sehr fromme und nüchterne Wächter auf dem Bayenturme, als er spät abends sich pflichtgemäß aus den Turmfenstern nach der Stadt umschaute, gesehen habe, daß die Stadt von Westen her mit feurigen Kugeln überschüttet wurde und mit Ausnahme des Domes in Flammen geriet, während dessen herbeigerufene Schwester nichts wahrzunehmen vermochte.

Die großen Truppenmassen, die man mit rauschender Janitscharenmusik gen Köln ziehen oder auf der Mülheimer Heide etc. sich lagern sah,[38] sind gleich den westfälischen Kriegs- und Schlachtengesichten nur Verzerrungen oder wirre Auswüchse des zweiten Gesichts, die auf Nebel- bezw. Schwadenbildungen beruhen. Lediglich ein Nebelgebilde auch war die „Vision oder Vorgeschichte“, über die das Grevenbroicher Kreisblatt berichtet:[39] Es war am Ostersonntage, den 31. März 1861, als nach dem Hochamte gegen Mittag 3 Männer aus Gustorf eine kleine Strecke gegen Reisdorf feldeinwärts gingen, um die angenehme Frühlingsluft im Freien zu genießen. Die Sonne stand hoch im wolkenlosen Süden, wenige leichte Federwolken säumten den Horizont, – da erschienen auf dem sanft abgedachten Höhenzuge, der, von Gustorf aus gesehen, den Gesichtskreis gegen Nordwesten hin begrenzt, Heeresmassen zu Fuß und zu Pferde, die sich in der Richtung von Hahnerhof und Hoheneichen nach dem Bergerbusch hin bewegten und stellenweise wie im Kampfe entwickelten; der ganze Höhenzug wimmelte von größeren und kleineren Abteilungen, hin und her gedrängt im Dampf der Geschütze und Gewehre. Diese Erscheinung, welche außer jenen 3 noch 2 andere Männer aus der Nachbarschaft bemerkten, währte etwa 11/2 Stunden und verschwand dann nach Westen hin.

Derartige Gesichte sind vielfach in die Jahrhunderte alte Sage vom letzten blutigen Entscheidungskampfe, der am Birkenbaum zwischen Büderich und Werl seinen Abschluß finden soll,[40] übergegangen, weitere Ergänzungen der eigenartigen Ueberlieferung aber auch durch mancherlei Prophezeiungen erbracht worden. Ein Düsseldorfer Kapuziner-Pater offenbarte im Jahre 1762:[41] „Nach einem schweren Kriege wird Friede werden und doch kein Friede sein, weil der Kampf der Armen wider die Reichen und der Reichen wider die Armen entbrennt. Nach diesem Frieden kommt eine schwere Zeit. Das Volk wird keine Treue und keinen Glauben mehr haben. Wenn die Frauensleute nicht wissen, was sie vor Ueppigkeit und Hochmut für Kleider tragen wollen, bald kurz, bald lang, bald eng, bald weit, wenn die Männer auch ihre Trachten ändern und man allgemein die Bärte der Kapuziner trägt, dann wird Gott die Welt züchtigen. Ein schwerer Krieg wird im Süden entbrennen, sich nach Osten und Norden verbreiten. Die Monarchen werden getötet werden. Wilde Scharen werden Deutschland überschwemmen und bis an den Rhein kommen; sie werden aus Lust morden, sengen und brennen, so daß Mütter aus Verzweiflung, weil sie überall den Tod vor Augen sehen, sich mit ihren Säuglingen ins Wasser stürzen werden. Da, wenn die Not am größten ist, wird ein Retter kommen von Süden her; er wird die Horden der Feinde schlagen und Deutschland glücklich machen. Dann werden an manchen Orten aber die Menschen so selten sein, daß man auf einen Baum steigen muß, um Menschen in der Ferne zu suchen.“

Der Stadt Koblenz droht eine alte prophetische Sage:[42] „Wehe! Wehe! Wo Rhein und Mosel zusammenfließen, wird gegen Türken und Baschkiren eine Schlacht geschlagen werden, so blutig, daß der Rhein auf 25 Stunden Wegs rot gefärbt sein wird“; auch Johann Peter Knopp[43] meint: „Es wird hart hergehen, besonders bei Koblenz.“

Das Schlimmste jedoch soll Köln bevorstehen, das außer Knopp[44] auch Rembold[45], Jasper[46] und ein anderer westfälischer Spökenkieker[47] als Schauplatz einer großen Schlacht[48] bezeichnet haben. Der Magister Heinrich v. Judden, Pastor an Klein St. Martin zu Köln, fand um 1460 in einem alten Buche des dortigen Karmeliterklosters folgende Prophezeiung:[49] „O glückliches Köln, wenn du wirst gut gepflastert sein, wirst du untergehen in deinem eigenen Blute. O Köln, du wirst untergehen wie Sodom und Gomorrha; deine Straßen werden von Blute fließen und deine Reliquien dir genommen werden. Wehe dir, reiches Köln, weil deine Einwanderer an deinen Brüsten saugen und an denen deiner Armen, die gemartert und gequält werden für dich.“