Freilich läßt sich die natürliche Anlage des Menschen modifizieren. So können ungünstige Umstände die Ausbildung guter Eigenschaften hintanhalten. Anderseits vermögen eine sorgfältige Erziehung von Jugend auf und eine geeignete Umgebung einen von Natur Minderwertigen oft so zu bessern, daß er nicht direkt auf Abwege gerät. Aber im wesentlichen schlagen die angeborenen Eigenschaften durch. Ebensowenig kann die beste Erziehung aus einem dummen und unbegabten Menschen einen Entdecker, Erfinder oder Künstler, aus einem charakterlosen einen Propheten und Besserer des Menschenlooses machen, als umgekehrt ein hartes Geschick im allgemeinen den Genius zu unterdrücken oder am Durchbrechen zu hindern vermag.
So hängt denn auch die Zukunft der Rasse von den Erbwerten der Eltern ab, da sie mehr oder weniger auf die Kinder übergehen. Wir gelangen also auch für den Menschen auf Grund des sicher zutreffenden Teiles des Darwinismus und der Erfahrung innerhalb der Menschheit selbst zur These, daß jedes Individuum schon bei seiner Geburt die Grundlagen seines späteren Wertes in sich trägt. Ich nenne das »Das Prinzip der natürlichen Prädestination«.
Es gilt, wie schon bemerkt, hinsichtlich der Haupteigenschaften des Geistes und Körpers. Beeinflußbarkeit bleibt dennoch bestehen, tritt aber an Bedeutung sehr in den Hintergrund.
[5. Keimauslese.]
Um gewissen Schwierigkeiten, in die der Darwinismus gerät, zu begegnen, hat Weismann die Theorie der Keimauslese aufgestellt, nach der schon die Keime des Lebens im Organismus einen Kampf zu bestehen haben. Davon ist jedenfalls so viel richtig, daß nur ein verschwindend kleiner Teil aller entstehenden Keimzellen zur Hervorbringung neuen Lebens verwertet wird und die andern wieder untergehen, und daß Ursachen für das verschiedene Geschick derselben vorhanden sein müssen. Vielleicht sind es auch hier die kräftigeren Keime, die erhalten bleiben. Im übrigen besagt Weismanns Theorie anderes als dieses. Doch liegt das außerhalb des Rahmens dieser Abhandlung.
[6. Geschlechtliche Zuchtwahl.]
Darwin führte das Prinzip der geschlechtlichen Zuchtwahl ein, um gewisse Eigentümlichkeiten der männlichen Tiere zu deuten. So sollen der Gesang und das schöne Gefieder vieler männlicher Vögel durch Bevorzugung seitens der Weibchen entstanden sein. Dafür spricht der Umstand, daß beides zur Zeit der Paarung die höchste Entfaltung erreicht. Ferner sind die Waffen mancher männlichen Tiere wie der Hirsche vorwiegend zum Kampf um die Weibchen da. Der besser Bewaffnete siegt und wird dann zur Fortpflanzung zugelassen. Die Schwäche dieser Theorie ist jedoch handgreiflich, sofern sie die Entstehung der genannten Eigenschaften erklären soll. Wenn diese aber einmal auf einer gewissen Ausbildungsstufe vorhanden sind, dann mögen sie gewiß zur Bevorzugung bei der Gattenwahl beitragen und dadurch erhalten und weiter entwickelt werden.
Die Auslese findet also nach Darwin teils durch den Kampf ums Dasein, teils durch die geschlechtliche Zuchtwahl statt.
[7. Isolation.]
Vielleicht hat geographische Absonderung von dem Standort der Artgenossen, bezw. beim Menschen von dem gemeinsamen Wohnsitze, in der Vergangenheit einen beträchtlichen Anteil an der Bildung von Rassen, Varietäten und Arten genommen. Für den Menschen ist dies besonders wahrscheinlich, wenn nicht sicher. Moritz Wagner hat die Theorie der Isolation vertreten. Er sagt u. a.: »Die Bildung einer wirklichen Varietät, welche Herr Darwin bekanntlich als ›beginnende Art‹ betrachtet, wird der Natur immer nur da gelingen, wo einzelne Individuen die begrenzenden Schranken ihres Standorts überschreitend sich von ihren Artgenossen auf Zeit räumlich absondern können.«[5]