Ein großer Geburtenüberschuß ist natürlich der Entstehung verschiedenartiger Variationen günstig.

[3. Natürliche Auslese und Kampf ums Dasein.]

Unter dem Kampf ums Dasein versteht man die Gesamtheit der Einwirkungen der Außenwelt, sowohl diejenigen der anorganischen Natur, als auch die aus der Konkurrenz mit andern Lebewesen entstehenden. Man kann ihn in den aktiven und passiven Kampf ums Dasein einteilen. Unter ersterem verstehe ich dann gewalttätige Einwirkungen aller Art, sofern sie überhaupt Auslesewert (positiven oder negativen) besitzen, also vor allem den echten Kampf als solchen mit andern Geschöpfen. Unter letzterem fasse ich die Einflüsse der toten Umgebung und die des mehr friedlichen Wettbewerbs um die Existenzmittel zusammen.

Darwin nimmt nun an, daß von den spontanen Variationen die einen im Kampf ums Dasein nützlich, die andern hinderlich seien. Die Träger der ersteren haben daher mehr Aussicht, in ihm zu siegen, als diejenigen der letzteren. Jene werden daher im Gegensatz zu diesen bis zum fortpflanzungsfähigen Alter erhalten bleiben und Nachkommen erzeugen, somit ihre Eigenart weitergeben, während die andern aussterben. Das ist die natürliche Zuchtwahl im Kampf ums Dasein. Demnach sind die Voraussetzungen für die natürliche Zuchtwahl: 1. Der Kampf ums Dasein, 2. Erblichkeit der Merkmale, 3. Variabilität, 4. große Fruchtbarkeit.

Auf die Kritik der Darwinschen Theorie will ich hier nicht näher eingehen, sondern nur bemerken, daß der Kampf ums Dasein sich als unzulänglich zur Herbeiführung von Auslese und Reinzucht erwiesen hat.[4]

Mögen aber die Eindrücke, die das Individuum im Laufe seines Lebens empfängt, auch in geringem Maße durch Engraphie die Keimzellen beeinflussen und dadurch erblich werden, mögen andere besondere Prinzipien eingeführt werden müssen, um die Auslese und Reinzucht in der Natur zu deuten – gleichviel: in jedem Fall ist es sicher, daß durch dauernde Auslese besonderer angeborener Merkmale und die Reinzucht der sie besitzenden Individuen neue Rassen und Varietäten sich hervorbringen lassen. Das ist durch die Erfolge der künstlichen Züchtung bei Tieren und Pflanzen bewiesen. Ferner sind diese angeborenen Eigenschaften in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle sicher erblich. Daher bilden sie ein zuverlässiges Material für die Reinzucht und Bildung von Dauerformen. Darin besteht also ein bleibendes Verdienst Darwins und seines Mitarbeiters Wallace, gezeigt zu haben, daß die angeborenen spontanen Variationen das hauptsächlichste, zuverlässigste und daher wertvollste Material für die Bildung neuer Formen darstellen.

Jedenfalls gilt das für die Tierwelt, während es bei Pflanzen den Anschein hat, als ob die sogenannte »unmittelbare Bewirkung« durch Reaktion auf die Umgebung nach dem Prinzip der Engraphie eine bedeutsame, vielleicht wichtigere Rolle spiele. Damit stimmt es denn auch überein, daß die Zoologen heute meistens Darwinianer, die Botaniker vielfach Neu-Lamarckianer, d. h. Anhänger der letztgenannten Theorie, sind.

[4. »Das Prinzip der natürlichen Prädestination.«]

Die spontane Variation, die ein Individuum mit auf die Welt bringt, bedingt in erster Linie seine Eigenart. Das aber ist gleichbedeutend mit einer Art natürlicher Vorausbestimmung. Im wesentlichen ist es schon bei der Geburt eines Geschöpfes ausgesprochen, ob es einen Beitrag zur Veredelung oder Verschlechterung seines Geschlechts bedeutet.

Das gilt auch für den Menschen: seine Abstammung von einem bestimmten Elternpaare bedingt seine Tüchtigkeit oder Minderwertigkeit vor allen nachträglichen Einflüssen, die später auf ihn durch Umgang und Erziehung einwirken. Wir sehen das tatsächlich auf allen Gebieten, vornehmlich auf denen der Erziehung, der Rechtspflege, des genialen Schaffens, der Beibringung neuer Werte in Wissenschaft, Ethik, Kunst usw., dann aber auch im Alltagsleben: auch hierin offenbaren sich nur allzu deutlich die besonderen angeborenen Gaben und Mängel der Einzelnen. Alle, die eine größere Anzahl Untergebener unter sich haben, werden das bestätigen können, vor allem also Offiziere und Leiter großer industrieller Betriebe. Selbstverständlich trifft das auch für die körperlichen Eigenschaften im engeren Sinne ebenso zu, für Gesundheit und Schönheit. Nichts ist bezüglich ihrer wertvoller für ein Individuum als die Abstammung von einem kerngesunden Elternpaare. Denn, wenn nicht sehr ungünstige Umstände später auf es einwirken – z. B. mutwillige Untergrabung der Gesundheit –, so wird es dann die größte Aussicht auf eigene dauernde Gesundheit und Langlebigkeit haben und selbst nachteiligen Einflüssen gegenüber sich widerstandsfähiger erweisen als andere. Umgekehrt können auch die besten hygienischen Maßnahmen schlechte Erbwerte der Gesundheit und Widerstandskraft nur mangelhaft ausgleichen, gerade wie die Schönheitspflege keine Resultate zu liefern vermag, die angeborener Schönheit gegenüber in die Wagschale fallen.