Ich wende mich nunmehr zu unserm soeben nochmals klar definierten Thema.

[II. Biologische Grundlegung.]

[1. Das Material der Artbildung, die spontanen Variationen, und ihre Erblichkeit.]

Das Material der Bildung von Rassen, Varietäten und Arten sind sowohl in der Natur, als auch bei der künstlichen Züchtung und beim Menschen die spontanen Variationen. Die Voraussetzung dafür, daß aus ihnen Dauerformen hervorgehen können, ist ihre Erblichkeit. Dies gilt für spontane Variationen größeren und kleineren Betrags. Erstere nennt man nach de Vries Sprungvariationen und Mutationen. Inwiefern sie zur Artbildung beitragen, bleibe dahingestellt. Letztere sind die spontanen Variationen im engeren Sinne des Wortes. Auf ihnen beruht sicherlich der größte Teil der Artbildung. Es verhält sich mit ihnen folgendermaßen:

Jedes Lebewesen kommt mit gewissen Abweichungen seines Baues von demjenigen seiner Artgenossen auf die Welt. Dies betrifft nicht nur den ganzen Organismus, sondern sogar auch seine einzelnen Teile: keine zwei Blätter an einem Baume sind einander ganz gleich, und so ist es bei allen Organen.

Diese Grundtatsache bildet den Ausgangspunkt und die Voraussetzung des Darwinismus. Darwin nennt eben jene individuellen Verschiedenheiten an Pflanzen und Tieren »spontane Variationen«, d. h. von selbst entstehende Abänderungen. Er untersucht nicht die Ursache ihrer Entstehung, sondern fängt bei ihnen an. Sie sind erbliche Eigenschaften, da es sich bei ihnen um Angeborenes und nicht um Erworbenes handelt.

Es besteht nämlich in der Wissenschaft eine Kontroverse darüber, ob nur angeborene oder auch erworbene Merkmale erblich seien. Sie ist bis jetzt dahin entschieden worden, daß erstere es sicher, letztere im allgemeinen es nicht sind. Jedoch bezieht sich das nur auf Erworbenes im engeren Sinne des Wortes, z. B. auf Verstümmelungen, Resultate der Übung und Vernachlässigung von Organen, z. B. der Muskeln usw. Zweifellos prägen sich aber die Eindrücke des Lebens mehr oder weniger auch den Keimzellen auf und sind dann erblich, wie alle Veränderungen an den Keimzellen. Das ist eine Voraussetzung der Variabilität selbst, die Darwin eben ununtersucht läßt. Darüber haben andere, insbesondere Semon[2] gearbeitet. Darnach können die Reize aus der Außenwelt eine dauernde Veränderung im Organismus hinterlassen, was Semon »Engraphie« nennt. Die Veränderung selbst ist das »Engramm«. Die Reizwirkungen strahlen nun im ganzen Organismus aus, und zwar nicht nur im Nervensystem. Denn sie spielen gerade bei Pflanzen eine wichtige Rolle. Forel sagt: »Auf diesem Wege kann eine, wenn auch kolossal abgeschwächte Engraphie schließlich auch die Keimzellen treffen.« ….. »Und so läßt sich die Möglichkeit einer kolossal langsamen Vererbung erworbener Eigenschaften, nach unzähligen [? Verf.] Wiederholungen durch das mnemische Prinzip erklären, ohne daß die von Weismann betonten Tatsachen ihre Richtigkeit einbüßen. Denn die Einflüsse der Kreuzungen (Konjunktionen) und der Zuchtwahl wirken natürlich ungeheuer viel rascher und intensiver verändernd als individuell vererbte mnemische Engraphien.«[3]

Die engraphische Wirkung braucht aber nicht immer die gleiche »kolossale« Langsamkeit zu besitzen. Bei Pflanzen geht die Umwandlung oft recht schnell von statten. Auch bei Tieren und Menschen wird es sich verschieden verhalten, je nach der Art des Reizes und der Wichtigkeit der Erfahrung: das Lebendige kann vielleicht in elektiver Weise reagieren.

[2. Überschüssige Fruchtbarkeit.]