Jetzt aber entsteht das Problem des Weges: Wie kann am sichersten, wirksamsten und schnellsten das Vervollkommnungsstreben des Menschen in die Tat umgesetzt werden?

Die Analysis der Vervollkommnung ergibt, daß sie in traditionelle und erblich-organische zerfällt.

Wie die Überschrift aussagt, ist es die Aufgabe dieser Schrift, die letztere zu behandeln. Nur ein flüchtiger Blick sei daher der Vollständigkeit halber auf das Wesen der Tradition geworfen.

Durch sein hochentwickeltes Bewußtsein, sowie kraft seiner Fähigkeiten der Sprache und der Schrift vermag der Mensch die Erfahrungen seines ganzen Geschlechts aufzubewahren, zu sichten, zu ordnen, zu vermehren und auf seine Nachkommen übergehen zu lassen. So bildet sich ein in stetem Fluß und fortdauernder Änderung begriffener Niederschlag der Erfahrung der gesamten Menschheit. Diesen Niederschlag nennen wir die Tradition oder Überlieferung der Menschheit. Sie umfaßt Sitten und Gebräuche, die naive Überlieferung des Volkes (folklore), Natur- und Geisteswissenschaften.

Insbesondere sind es einzelne hervorragende Männer, die von Zeit zu Zeit entstehen, welche die Tradition sprungweise auf eine höhere Stufe heben und dadurch die Menschheit veredeln. Solche Männer heißen Genien: sie sind die Lichtbringer und Führer der Menschheit.

Einigermaßen steigert ja auch die Wissenschaft als solche ohne die direkte Arbeit der Genien die geistigen, sittlichen und körperlichen Werte der Gesamtheit. Denn sie mehrt unsere Erkenntnis von der Wirklichkeit; Gewinn aber an Wissen und an Einsicht in die wahren Vorgänge der Natur gereichen natürlich den Menschen zum sittlichen und körperlichen Wohle. Das darf man nicht zu gering veranschlagen. Die Vorteile, die unserer Gesundheit aus der Wissenschaft erwachsen, liegen allen klar vor Augen. Weniger Verständnis jedoch haben viele dafür, daß auch die Sittlichkeit durch Wissen gewinnt; deshalb seien zwei Beispiele dafür angeführt: die humane Gestaltung der Rechtspflege und Irrenfürsorge ist sicherlich mehr ein Ergebnis wissenschaftlicher Aufklärung als etwa der kirchlichen Religion.

Freilich scheint es mir, ein noch mehr in die Tiefe dringender Blick zu sein, wenn man einsieht, daß die genannten Erscheinungen mit dem von innen heraus wirkenden Vervollkommnungstrieb in Zusammenhang stehen. Diese Kraft befindet sich natürlich in steter Wechselwirkung mit der äußeren Erfahrung und offenbart sich an ihr.

Doch kann bei aller Gerechtigkeit gegen die allgemeine wissenschaftliche Tätigkeit nicht eindringlich genug vor ihrer Überschätzung gewarnt werden. Es ist unmöglich, hier eine exakte Rechnung vorzulegen: aber viel ist es jedenfalls nicht, was alle die Nicht-Genien zusammen der Menschheit an wirklichen und bleibenden Werten gegeben haben. Sicherlich ruht jeder bedeutende Fortschritt auf den Schultern der Genien! – – –

Der Gegenstand dieser Abhandlung aber ist die Steigerung der erblichen Organisation des Menschen, seine generative Höherentwicklung. Es soll die Richtung der Entwicklung dadurch fortgesetzt werden, daß wir Menschen mit Hilfe unseres Bewußtseins den Weg zu neuen und höheren Formen der Kreatur einschlagen, als es deren eine bisher überhaupt auf der Erde gegeben hat!

Wie wir sahen, steht diesbezüglich das Gebot der inneren Stimme im Einklang mit demjenigen, das die Naturbeobachtung ergibt.