Der Inhalt der Deszendenztheorie im engeren Sinne ist dieser: Von den niedersten Lebewesen bis hinauf zum Menschen hat eine allmähliche Entwicklung stattgefunden. Es werden die Bedingungen dieser Entwicklungsrichtung aufgesucht und eben dadurch, daß sie gefunden werden, wird der Weg zur organischen Vervollkommnung des Menschen gewiesen. Zunächst geschieht das für die Vergangenheit, dann aber auch für die Zukunft. Denn die Kenntnis der zurückgelegten Strecke gestattet gewisse Schlüsse für die bevorstehende.
Demnach stellen wir fest, daß die Entwicklung eine bestimmte Richtung hat; sie geht von einfachsten und unvollkommensten zu immer zusammengesetzteren und vollendeteren Formen des Lebens. Innerhalb dieser allgemeinsten Richtung treten aber beim Menschen noch besondere Merkmale als auffallende hervor. Das sind einerseits die Steigerung des Bewußtseins, des Geistes oder der Vernunft und die Ausbildung des Charakters, des ästhetischen Gefühls und der künstlerischen Gestaltungskraft, anderseits die Entfaltung der dem Menschen eigentümlichen Körperschönheit.
Das aber ist innerhalb des Reiches der Lebewesen der Lauf der Natur, die Stromesrichtung des Weltgeschehens: Aufstieg, Vervollkommnung, Steigerung und Bejahung des Daseins, Tätigkeit, Umformung von Energien, welch letzteres mit Lust betont ist, wenn es fließend und leicht von statten geht, mit Unlust dagegen, wenn es gehemmt wird oder schwer verläuft.
Rein naiv und impressionistisch können wir sogar das eben Gesagte als das Gesetz des Lebens aussprechen.
Erst ein Zurückgehen im Denken hinter die reine Erfahrung läßt Aussagen machen über den Wert der Welt hinsichtlich ihres innersten Prinzips und wirklichen Wesens. Der Naive fällt keine solchen Werturteile darüber: er nimmt vielmehr im Erkenntnisakt die Wirklichkeit hin, wie sie erscheint, und gelangt so zur Formulierung des Gesetzes des Lebens, in dem allerdings noch kein utopistischer irdischer Optimismus ausgesprochen ist, sondern lediglich die Lebensbejahung, die Notwendigkeit tätiger und freudiger Mitarbeit an allen Problemen der Vervollkommnung, mit andern Worten die fröhliche Kampfesstimmung des mutigen Streiters. Denn Kampf ist das Erdenleben. Aber es kann und soll sein ein freudiger, siegesgewisser Kampf, in dem es Friedenspausen und Ruhmestage gibt, dann nämlich, wenn jeweils der Lorbeer um die Schläfen des Siegers sich windet.[1] – – –
Wenden wir dann den Blick ab von der Außenwelt und nach innen, so finden wir in unserm Seelenleben mächtige Auftriebe, Impulse nach der Höhe, gleichsam als drängte uns etwas über unsere ererbte Organisation hinaus: es ist ein Streben nach Vervollkommnung, das wir da in unserer eigenen Tiefe erleben.
Diese Feststellung beruht auf der »Psychologie der unmittelbaren Erfahrung«: der Mensch ist einfach so eingerichtet, daß er in seinen besseren Individuen dem Willen zur Vollkommenheit nimmer zu entrinnen vermag. Hier haben wir an einem Punkte das Seelenleben rein erfaßt: unmittelbar und ohne alle Überlegung steigt in dem Tüchtigen die Sehnsucht nach höherem Dasein empor bis an die Oberfläche des Bewußtseins!
Das sind zwei völlig stichhaltige Gründe dafür, daß das Vervollkommnungsstreben auch betätigt werden muß, und beiden wohnt eine innerlich ihnen anhaftende Beziehung auf die Allgemeinheit inne. Ich wiederhole die Gründe und setze die genannte Beziehung hinzu: 1. Das Gesetz des Lebens, das von der Beobachtung des Naturlaufs unmittelbar abgeleitet wurde, besagt, daß die Hauptrichtung der Entwicklung auf Steigerung der Organisation geht. Für den Menschen geht daraus hervor, daß es in der Richtung der Entwicklung liegt, wenn er seine vornehmsten Eigenschaften weiter entfaltet. Diese aber sind die spezifisch menschlichen. Daß die Gesamtheit und nicht etwa nur ein einzelner davon betroffen wird, versteht sich von selbst. 2. Die Erscheinungen der inneren Wahrnehmung bei höher stehenden Menschen bestätigen durchaus das, was von derjenigen der Außenwelt abgeleitet wurde: der Mensch findet in sich einen zwingenden Wunsch nach Vervollkommnung vor. Das bezieht sich zunächst auf sein Selbst, aber zugleich auch auf die Gesamtheit und äußert sich in idealen Bestrebungen der Wissenschaft, Philosophie, Kunst, Religion und Nächstenliebe, in der Verteidigung des Vaterlands und Mehrung seiner Macht, in dem Nachjagen nach Ruhm, Ehre und Reichtum. All dem liegt mehr oder weniger bewußt in erster Linie das Verlangen zugrunde, sich selber als Persönlichkeit höherer Ordnung, als Vollmenschen auszubilden und zu betätigen: die Wege der Vollendung des Selbstes und der Gesamtheit fallen in ihrem Verlaufe zusammen.
Nach allem: Es dürstet der Mensch nach Vervollkommnung, und er blickt hinaus in das Getriebe des Weltgeschehens und liest von der Natur den gleichen Willen ab.
Was aber bedeutet Vervollkommnung? Ich definiere: Vervollkommnung ist weitere Entfaltung der höchsten Eigenschaften. Denn das gehört zum Begriff der Vervollkommnung.