4. Instinkt. Es ist durchaus denkbar, daß die Individuen, die vermöge ihrer erblichen Eigenschaften zur Bildung neuer Formen besonders geeignet sind, den Instinkt besitzen, sich untereinander zu paaren und Reinzucht durchzuführen. Letzten Endes kommt man keinesfalls um eine derartige Annahme herum. So haben denn Naturforscher auch in der Tat von einem »Rasseninstinkt« der Tiere gesprochen.

5. Geschlechtliche Zuchtwahl, die solchen Instinkt schon voraussetzt.

Das sind die Mittel, die für die Herbeiführung der Auslese und der Reinzucht denkbar sind; zugleich machen sie das Strittige im Darwinismus, bezw. in seiner Fortbildung seitens anderer aus.

Von jenen kommen zwei für die menschliche Rassenzucht nicht in Betracht, nämlich der Kampf ums Dasein und die Isolation.

Der Kampf ums Dasein tritt als auslesender Faktor im Kulturzustand immer mehr zurück. Unsere humanen Tendenzen gehen im Einklang mit dem Sittengesetz dahin, ihn mehr und mehr auszuschalten. Es kann vom sittlichen Standpunkt aus keine Rede davon sein, etwa absichtlich in Zukunft die Härte des Kampfes ums Dasein aufrecht erhalten oder gar wieder vermehren zu wollen. Vielmehr muß jeder humane und sittliche Mensch sein Zurückgehen im Kulturzustand freudigst begrüßen. Dazu kommt noch, daß es hier gerade hinsichtlich seiner zu einer Umwertung der Werte kommt: Unsere höchsten Werte sind neben Gesundheit und Schönheit vor allem die wissenschaftlichen, sittlichen und ästhetischen sowie ihre Beziehungen zum Leben. Wie schon erwähnt, sind es insbesondere die Genien, die uns diese vermitteln. Nun sind diese keineswegs immer – oder auch nur häufig – gerade diejenigen Menschen, die in einem rücksichtslosen Kampf ums Dasein am besten bestehen würden. Von Körperschwäche will ich ganz absehen. Schon ihre Charaktereigenschaften hemmen sie in einem solchen Kampfe: gerade weil sie nicht skrupellose, sondern gewissenhafte, die Kapital- und Geldwirtschaft aus angeborenem Idealismus hassende und daher wenig von ihr verstehende Menschen sind, sind sie für den brutalen Daseinskampf schlechter ausgerüstet. Sie aber zu pflegen als das wertvollste alles Menschenmaterials ist unsere Hauptaufgabe. Die Genien sind Menschen, die in eine weit fortgeschrittenere, vollkommenere Umgebung passen, und die daher der Stufe der Unvollkommenheit, in der sie jeweils leben, nicht adaptiert sind. Nun ist es aber das Hauptgesetz des Kampfes ums Dasein, daß diejenigen, die sich nicht der Umgebung anzupassen vermögen, untergehen. Der Genius jedoch ist deswegen seiner Umgebung nicht angemessen, weil er vollkommener als sie ist. Die Schuld liegt also an der Umgebung und nicht an ihm. Durch seine Vollkommenheit nimmt er die Tradition der Zukunft vorweg, wodurch er gerade seine Mitmenschen späteren höheren und edleren Formen des Daseins entgegenführt. Er macht ferner die wissenschaftlichen Entdeckungen, die in der Technik verwertet die äußeren Grundlagen der Kultur bilden. Er gibt den Menschen die herrlichen Werke der Kunst, an denen sie sich erfreuen.

Der Kampf ums Dasein kann demnach als züchtender Faktor von irgendwie erheblichem Belang im Kulturzustand nicht in Betracht kommen, weil: 1. er ohnehin abnimmt, 2. Sittengesetz und Humanität uns verpflichten, dies zu unterstützen, 3. eine Umwertung der Werte stattfindet dahingehend, daß im Kulturzustand der Völker der Kampf ums Dasein geradezu negativen Auslesewert erhält.

Freilich ist auch das sinngemäß zu verstehen. Der passive Kampf ums Dasein scheidet auch innerhalb des Kulturzustandes ununterbrochen die Minderwertigsten aus, insbesondere die Abkömmlinge von Alkoholikern, Tuberkulösen, Syphilitischen. Tot-, Fehlgeburten und Kindersterblichkeit räumen hier mit furchtbarer Strenge auf. Der Kampf ums Dasein verhindert so das Festwerden von Degenerationsmerkmalen. Er zeigt sich also auch hier in seiner Wirkung als einen ausmerzenden Faktor.[11]

Übrigens kam Darwin selber zur Überzeugung des rückläufigen Wegs des Kampfes ums Dasein bei den Kulturvölkern. Nach Ploetz berichtet Wallace über des alten Darwin Meinung: »In einer meiner letzten Unterhaltungen mit Darwin sprach er sich wenig hoffnungsvoll über die Zukunft der Menschheit aus, und zwar auf Grund der Beobachtung, daß in unserer modernen Zivilisation eine natürliche Auslese nicht zustande komme und die Tüchtigsten nicht überlebten. Die Sieger im Kampf um das Geld sind keineswegs die Besten oder die Klügsten, und bekanntlich erneuert sich unsere Bevölkerung in jeder Generation in stärkerem Maße aus den unteren als aus den mittleren und oberen Klassen.«[12]

Daß Isolation ausscheidet, hat schon Wagner selber betont: die heutigen Verkehrs- und Industrieverhältnisse, die zunehmende Internationalisierung aller menschlichen Interessen in Wissenschaft, Ethik, Kunst und Handel machen den Gedanken an Absonderung einfach absurd. Dazu kommen wieder besondere sittliche Gründe: 1. Die für die Absonderung behufs Reinzucht zur Bildung einer neuen höheren Rasse in Betracht kommenden Individuen müßten die edelsten und besten sein: gerade sie sollen aber zur Hebung der Tradition unter der Masse bleiben; denn diese braucht das Beispiel und die Lehre der Vollkommeneren. Diejenigen Menschen, welche bloß die Fähigkeit zum intellektuell-sittlichen Aufstreben mit auf die Welt bringen, aber des Anreizes zur Entfaltung dieser Eigenschaften bedürfen, brauchen die Vollkommensten, die eben solche Anreize geben. 2. Die sich Isolierenden und ihre Nachkommen würden selbst der Kulturwerte, die in der Tradition der höheren Völker aufgespeichert sind, verlustig gehen, was allein schon den Gedanken an solche Absonderung von der übrigen Menschheit zu einem unsinnigen macht. 3. Die höchste irdische Idee überhaupt ist die der künftigen Einheit und Verbrüderung der ganzen Menschheit. Das ist der Humanitätsgedanke oder die Idee der Menschheit schlechthin. Ihr durch Absonderung entgegenzuarbeiten, würde also der Ethik und der Vernunft widersprechen. Vielmehr muß es uns auch von ihrem Standpunkt aus mit aufrichtiger Freude erfüllen, daß wir in der Tat jetzt schon die Menschheit in Handel, Verkehr, Wissenschaft, ja sogar auch schon in der Politik auf einander sich nähernden Pfaden dahineilen sehen.