Solche »Kennzeichen der Geistes- und Seelengröße« sind:

1. Idealismus. Die Betätigung von Idealismus ist gleich dem Streben nach Vollkommenheit. Denn, wer Idealen nachjagt, bekundet dadurch, daß er – annähernd – erreichbare Vollkommenheit voraussetzt, nach der er strebt. Er ist also in der allgemeinen Grundrichtung seiner Gesinnung vollkommen. Er bedarf rechter Erkenntnis, um die Ideale zu erfassen, der Intelligenz für die Kleinarbeit auf dem Wege, der Energie und Charakterfestigkeit, um unentwegt recht zu wollen und das Gewollte durchzusetzen. Endlich ist ihm auch Formgebungskraft unerläßlich, wenn er bleibende Werte für die Menschheit schaffen soll. Denn die Ideale haften nur dann in den Seelen der Mitmenschen, wenn sie in eine anschauliche Form gegossen worden sind.

2. Altruismus. Er ist ein Bestandteil des Idealismus und betrifft die höchste Eigenschaft des Charakters, Güte. Denn unter Altruismus versteht man Nächstenliebe. Sein psychologischer Untergrund ist das unwillkürliche Mitgefühl mit fremder Freude und fremdem Weh. Er ist des weiteren ein praktisch sehr wichtiges Kennzeichen der Seelengröße, weil er leicht auffindbar ist: niemand kann lange seinen Altruismus oder Egoismus verbergen.

Da im nachfolgenden viel von Selbstverleugnung die Rede sein wird, so muß ich, um nicht mißverstanden zu werden, meinen diesbezüglichen Standpunkt klarlegen. Das kann jetzt so gut geschehen als später. Im Mittelpunkt aller Vervollkommnungslehre steht die Persönlichkeit, das Individuum. Nichts, was den wirklichen Persönlichkeitswert steigert, gehört zum Begriff des Egoismus. Dies Wort bezieht sich nur auf die Befriedigung des Selbstes mit materiellen Gütern und in seinen niederen Begehrungen. Aber auch die Gesamtheit soll vervollkommnet werden. Dies geschieht, wenn sie aus einer möglichst großen Zahl vollkommener Individuen besteht. Ferner ist Selbstverleugnung sowohl das wirksamste Mittel zur Steigerung des wahren eigenen Persönlichkeitswerts – »es wächst der Mensch mit seinen Zielen!« –, als auch zur Hebung der Gesamtheit. So fällt der Weg zu den wahren Werten des Individuums und zu denen der Gesamtheit zusammen. Selbstverleugnung bedeutet also nicht Aufgebung des wahren Selbstes, sondern nur diejenige seiner Behaftung mit niedrigem Wollen.[13]

3. Ein melancholisch-ernster Grundzug des Wesens gepaart mit Lebhaftigkeit. Schon den Alten war der schwermütige Ausdruck der Geistesgewaltigen bekannt. Denn Cicero läßt Aristoteles sagen: »Omnes ingeniosos melancholicos esse.«[14] Das heißt auf deutsch: Alle Genien sind Melancholiker. Weitere Belege für dieses merkwürdige psychologische Phänomen führt E. v. Hartmann an. Platon und Kant haben sich entsprechend geäußert. »Schelling,« schreibt von Hartmann, »sagt (Werke I. 7. S. 399): ›Daher der Schleier der Schwermut, der über die ganze Natur ausgebreitet ist, die tiefe unzerstörbare Melancholie alles Lebens.‹ Ferner hat er (Werke I. 10. S. 266-268) eine sehr schöne Stelle, welche ich ganz durchzulesen empfehle; hier kann ich nur einige Bruchstücke anführen: ›Freilich ist es ein Schmerzensweg, den jenes Wesen, … das in der Natur lebt, auf seinem Hindurchgehen durch diese zurücklegt, davon zeugt der Zug des Schmerzes, der auf dem Antlitz der ganzen Natur, auf dem Angesicht der Tiere liegt … ‹« u. s. w.[15]

Weitere Stellen, welche die Tatsache der Melancholie der Genien bestätigen, finden sich bei Schopenhauer. Woher sie stammt, brauche ich hier nicht zu erläutern, da es nur auf den Nachweis ihres Vorhandenseins ankommt. Sie muß als ein Kennzeichen der Geistesgröße angeführt werden, weil es einfach Wahrheit ist, daß die Genien es besitzen. Damit will ich natürlich nicht die Hervorbringung eines Geschlechts von Melancholikern befürworten. Vielmehr ist jener schwermütige Ernst der Geisteshelden sehr verschieden von der krankhaften Melancholie, wie sie Gegenstand der Nervenheilkunde ist. Es ist nichts anderes als die Erkenntnis der Wahrheit und das Gefühl der Einsamkeit in einer ihnen unterlegenen Welt, was sich im Antlitz jener widerspiegelt. Deswegen ist der Zug der Schwermut auch mit jenem andern vergesellschaftet, der ihre Geistesfrische ausdrückt, demjenigen der Lebhaftigkeit. Auf diesen letzteren hat Schopenhauer aufmerksam gemacht.[16]

4. Objektivität. Auch dies hat Schopenhauer mit den Worten hervorgehoben: »So ist denn Genialität nichts anders als die vollkommenste Objektivität.«[17]

Bei allem Erkennen ist nämlich stets Interesse mit im Spiel: schon die bloße Bestätigung einer Wahrnehmung als einer richtigen enthält einen kleinen Willensakt, der mit Lust betont ist. Es ist unbewußte Freude dabei, und daher auch der unbewußte Wunsch, daß sich kein nachträglicher Irrtum herausstellen möge. Weit mehr noch ist dies jedoch bei Erkenntnissen höherer Art der Fall, die durch das eigentliche Denken zutage gefördert werden. Außerdem hat der Mensch ohnehin ein Interesse an der Tatsächlichkeit gewisser Dinge und an dem Nichtvorhandensein anderer. Deswegen besteht denn auch bei ihm die weitverbreitete Neigung, selber seine Urteile zu fälschen. Es ist daher die höchste Stufe der Erkenntnisfähigkeit, unabhängig von den genannten psychologischen Erscheinungen nach reiner Wahrheit zu streben und das Erkannte im gleichen Sinne weiterzugeben. Das aber versteht man unter Objektivität. Deswegen hat Schopenhauer recht, wenn er Objektivität des Urteilens als Merkmal der Geistesgröße anführt.

5. Selbstbeherrschung. Auf höheren Stufen der menschlichen Entwickelung wird der Mensch zum Herrn über seine Gemütsbewegungen, ist nicht mehr ihr willenloser Spielball. Er ist stark im Schmerz, besonnen in der Freude, ein Beherrscher des Zornes, der Liebe und des Hasses und aller Leidenschaften.