6. Begeisterungsfähigkeit. Gleichwohl aber ist die Fähigkeit tiefer, bis auf den Grund der Seele reichender Erregbarkeit ein unveräußerliches Erbstück wahrer Geistesgröße. Es ist die Fähigkeit der Begeisterung für die Ideale, für das Wahre, Gute und Schöne, sowie die der Entrüstung über deren Gegenteile, über Lüge, Bosheit, ja sogar schon über das bloß Niedrige und Philiströse, sowie über das Unästhetische. Nicht zu verwechseln mit jener Begeisterung für die wirklichen Werte sind gewisse hysterische Entladungen in der Massenpsychologie des Volkes oder sentimentale Schwärmerei, beides durchaus minderwertige Erscheinungen. Echte Begeisterung und Entrüstung sind kraftvoll, gehen entschlossen alsbald in Taten über, stehen unter der Herrschaft der Vernunft.

Die Entstehungsursache der Begeisterung und Entrüstung gerade bei hochwertigen Individuen ist in dem Umstand zu suchen, daß das ganze Nervensystem einem Resonanzboden gleicht, der im ganzen bei jedem neuen Bewußtseinszustand mitschwingt.

James sagt: »Der ganze Organismus kann als ein Resonanzboden aufgefaßt werden, den jede noch so geringe Änderung des Bewußtseins im ganzen zum Mitschwingen veranlassen kann.«[18]

7. Impulsivität. Forel führt diese unter den psychischen Erscheinungen der Minderwertigen an.[19] Der sachverständige Irrenarzt hat auch zweifellos zunächst recht darin: impulsives, von der Vernunft nicht beherrschtes Handeln ist sicherlich ein Minderwertigkeitssymptom und oft die Ursache von Unglück. Anders aber in Menschen, bei denen die Vernunft beim Impuls zugegen ist: bei ihnen ist Impulsivität ein Merkmal von Seelengröße. Gerade die Geistesgewaltigen fassen ihre Entschlüsse rasch, augenblicklich. Bei ihnen ist der Blick so klar, der Instinkt so gut entwickelt, daß sie kaum der Überlegung bedürfen, um das Rechte zu sehen und zu tun. So sind die Ideen unter den Ideen und die Taten unter den Taten Kinder des Impulses und der Eingebung: nimmermehr wird das Welterschütternde aus dem grübelnden Verstande herausgequält! Aus den Tiefen des Unbewußten zuckt ein Blitzstrahl durch das Bewußtsein eines Genius: die Idee ist geboren, die Tat beschlossen, der Weg beleuchtet!

8. Besonnenheit ist nicht minder ein Kennzeichen der Geistesgröße. Gerade sie gestaltet die Impulsivität zu einer Segenspenderin, was diese ohne jene nicht ist.

9. Naive Genialität. Naivität kommt ähnlich wie Impulsivität auf zwei verschieden hohen Stufen vor: einmal auf der kindlichen: dann beruht sie auf Mangel an Erfahrung und Überlegung; das andere Mal auf der der Geistesgröße: dann ist sie ein Zeichen geläuterter Erkenntnisfähigkeit. »Naivität,« sagt Eisler, »gehört zu jedem wahren Genie.«[20]

10. Instinkt. Zunächst die Definition: Eisler sagt: »Instinkt ist eine Art des Triebes, eine Regsamkeit des psychophysischen Organismus, die, ohne Bewußtsein (Wissen) des Endzieles eine zweckmäßige Handlung (Bewegung) einleitet. Der Instinkt beruht auf einer Anlage des Organismus, die als Produkt von Willens- und Triebbetätigungen früherer Generationen und der Vererbung jener aufzufassen ist.«

»Die Instinkte gelten bald als unbewußte Intellekt- und Willenshandlungen, bald als bloße Reflexbewegungen, sie werden bald einer universalen Vernunft zugeschrieben, bald als Produkte individueller Erfahrung und Gewohnheit, bald endlich als vererbte mechanische Triebe und Dispositionen betrachtet. Im weiteren Sinne heißt ›Instinkt‹ die ›Spürkraft‹ des Geistes.«[21]

Ich unterscheide »freie« und »feste« Instinkte. Erstere bestehen in der unmittelbaren Eingebung und Leitung durch das Unbewußte, letztere zerfallen wieder in primäre und sekundäre: primäre Instinkte sind angeborene »zufällige« spontane Variationen, die im Laufe der Geschlechter erhalten geblieben und fest geworden sind. Sekundäre Instinkte entstehen durch Engraphie, wenn im Laufe vieler Generationen gewohnheitsmäßige Reaktionen, welche die Lebensverhältnisse in stets gleicher Weise auszuführen zwangen, organisch einverleibt worden sind.

In diesem Zusammenhang meine ich mit Instinkt beim Menschen als Kennzeichen der Geistesgröße das unmittelbare Wissen um die Wahrheit, das Rechte und Schöne.