11. Religiosität. Es ist eine Tatsache, daß die größten Männer fast alle ein religiöses Bewußtsein irgendwelcher Art gehabt haben. Darum muß Religiosität als ein Merkmal der Geistesgröße verzeichnet werden, weil die Erfahrung sie als solches aufzeigt.

So wird denn auch der Mensch der Zukunft nicht weniger, sondern mehr religiös sein als derjenige der Gegenwart.

12. Schüchternheit. Ebenso ist es eine Tatsache, daß dreistes, sicheres Auftreten zwar oft den Handlungsreisenden, keineswegs aber gewöhnlich den Geistesgewaltigen auszeichnet. Freilich wird diese anfängliche Schüchternheit und Zurückhaltung, die er mit auf die Welt bringt, späterhin dann überwunden und macht unbeugsamem Selbstbewußtsein Platz. Denn die Größe seiner Ideen senkt ihm nach ihrem Durchbruch alsbald Selbstvertrauen in seine Seele nebst der Kraft des Willens zu ihrer Ausführung.

13. Überschwenglichkeit. Goethe sagte: »Allein das Überschwengliche macht die Größe.«

14. Geniale Schöpferkraft. Das ist die höchste Fähigkeit des Menschen überhaupt und rein auf den Mann beschränkt. Das ist die Sprache der Erfahrung der gesamten Menschheit. Daß Frauen nur deswegen von der Genialität ausgeschlossen seien, weil sie bisher nicht genügende Gelegenheit zur Bildung und Entfaltung ihrer geistigen Gaben gehabt hätten, ist leeres Gerede. Denn die Musik und Dichtkunst waren ihnen von jeher zugänglich, und sie haben darin nichts von Bedeutung geleistet. Ferner hat man in den Vereinigten Staaten von Nordamerika das gewaltige Experiment gemacht, den Frauen die gleichen Voraussetzungen der Bildung und der geistigen Entfaltung zu verleihen wie den Männern, ja, noch bessere, weil der Mann schon sehr früh vom Geschäftsleben absorbiert wird. Das Resultat aber hinsichtlich geistiger Leistungen des Weibes in Amerika ist ein Nichts, eine glatte Null! Ja, noch weit weniger: es zeigt sich eine bedeutende Schwankung unter die Nullinie: die echte Amerikanerin ist klügelnder Verstandesmensch geworden und hat dabei ihre spezifisch weiblichen Tugenden, die der Selbstlosigkeit und Aufopferung für Gatte und Kind, des Mitgefühls, eingebüßt. Der Verstand aber ist ideenleer, kalt berechnend, ohne jegliche Größe, auf den eigenen Vorteil bedacht. Man vergleiche die Terminologie auf [S. 26], um sich den Unterschied zwischen Verstand und Vernunft, um welch letztere es sich also hier nicht handelt, nochmals klar zu machen. Ferner empfehle ich die Lektüre von Herricks neuem Roman »Together«,[22] in dem der scharf beobachtende Verfasser eine sinnfällige Schilderung der modernen Amerikanerin gibt.

Dieses Experiment, das die Amerikaner am Menschen selber angestellt haben, kann mit Recht als die Krönung der experimentellen Forschungsmethode bezeichnet werden. Bereits ist der Zeitpunkt herangekommen, wo das Experiment so weit gediehen ist, daß der Forscher dessen Resultate ablesen kann. Sie sind die eben erwähnten! – – –

Ich definiere: Genie ist die Fähigkeit, große neue Ideen von bleibendem Werte zu finden und ihnen Form zu geben. Dies ist die allgemeinste und zugleich die bestimmteste Definition des Begriffs Genie. Sie bezieht sich auf alle Arten von Genien. Immer handelt es sich bei echtem Genie um jenes Zusammentreffen: Erfassung des wertvollen Neuen und seine Gestaltung.

Die gestaltende Kraft ist einerseits das besondere Merkmal des Künstlers und anderseits etwas sehr Charakteristisches am Genie überhaupt. Doch gehört bei ihm die bedeutende neue Idee dazu und muß vorangehen. Demnach ist jeder Genius seinem Wesen nach auch Künstler: die Gestaltungskraft ist eben das Künstlerische an ihm. Doch ist nicht jeder Künstler ein Genie: Gestaltungskraft macht den Künstler; jedoch nur, wenn es Großes und Neues ist, das er formt, ist er ein Genie. Wir müssen also hiernach Künstler im engeren und weiteren Sinne unterscheiden: erstere werden ausgemacht von den Künstlern auf dem Gebiete der eigentlichen Kunst, letztere von den Genien.

15. Treue.

16. Aufrichtigkeit, Offenheit, Wahrheitsliebe.