Ferner kommt es allenthalben in Poesie, Kunst, Literatur und dem naiven Bewußtsein des Volkes zum Ausdruck, daß die Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten das Weib als das Symbol der Schönheit schlechthin betrachtet haben und es noch tun.
Ploß sagt, über diesen Gegenstand: »In einer Hinsicht ist nun aber allerdings das Weib dem Manne überlegen, nämlich in der Schönheit der äußeren Körperform. Nur wenige gibt es, die das bestreiten, z. B. Schopenhauer, … allein, auch dieser Vorzug des Geschlechts ist ungemein ungleich auf die Weiber verteilt. Eine Annäherung an das Ideal weiblicher Schönheit, das wir uns unter dem Einflusse einer geläuterten Ästhetik gebildet haben, ist nur unter höchst günstigen Verhältnissen möglich.«[26] Vom Genie beim Manne gilt das Entsprechende ja ebenso sehr, oder noch mehr.
Unter Anführung von Arbeiten Cordiers und Ecksteins widerspricht nun Ploß der Annahme des Vorhandenseins allgemeiner Schönheitsgesetze. Anders Delauney, den er dann nennt. Dieser behauptet, »daß es allerdings allgemeine Schönheitsregeln gibt, sowohl für die Menschen, wie für die Tiere; sie begründen sich durch die von Claude Bernard aufgestellten sogenannten organotropischen Gesetze, die in der Entwicklung der Form eines jeden Organs gefunden werden; es gibt für jedes Organ ein Maximum der Entwicklung, welches die ihm eigene Schönheit darstellt; und in betreff der Schönheit des ganzen Individuums müssen die verschiedenen Organe in einer bestimmten Beziehung und in einem gewissen Verhältnisse zueinander stehen.«[27]
Die Schönheit des Weibes hängt außer von der Rasse auch etwas von ihrer sozialen Stellung ab. Bei niederen Völkern und in den unteren Schichten der zivilisierten Nationen findet man sie seltener, bezw. weniger entwickelt: »In den ›besseren‹ Teilen,« sagt Ploß, »unter den gut situierten Klassen der Bevölkerung erblicken wir fast überall auch schönere edlere Gestaltung, nicht bloß bei Männern, sondern namentlich bei Frauen.«[28] … »und so setzt sich oft in den mit Glücksgütern hinreichend ausgestatteten Familien als Erbstück ein schönes und edles Aussehen von Generation zu Generation fort.«[29] Der Einfluß der Erblichkeit dürfte hierbei zu gering veranschlagt sein. Doch haben sicherlich die äußeren Bedingungen, unter denen Menschen leben, einen etwas umgestaltenden Einfluß auf ihr Aussehen, wie es Ranke hinsichtlich des Längenwachstums für die Nordamerikaner nachgewiesen hat.[30]
Darwin führt die überlegene Frauenschönheit auf den Einfluß der geschlechtlichen Zuchtwahl zurück. Da die Frauen während langer Perioden ihrer Schönheit wegen gewählt worden seien, meint er, so sei es nicht auffallend, daß das Weib ihre Schönheit auch in größerem Maße auf ihre weiblichen Nachkommen vererbt habe als auf die männlichen. So seien denn die Frauen schöner geworden als die Männer.[31]
Die Mängel dieser Begründung liegen auf der Hand. Aus welchem Grunde zogen, um die Hauptsache zu erwähnen, die Männer von jeher die schöneren Frauen vor? Wenn es wahr ist, was Eckstein sagt, nämlich daß Schönheit einfach ein Ausdruck von Zweckmäßigkeit und Gesundheit ist, dann beantwortet sich die Frage von selbst, wie folgt: Die Männer kannten durch Instinkt und Erfahrung die Merkmale der Gesundheit und der Zweckmäßigkeit für die Ausübung des natürlichen Berufs der Frau. Diese wären also identisch mit Schönheit. Ihnen entsprechend trafen jene nun die Gattenwahl im Hinblick auf die bevorstehende Mutterschaft.
Auch Stratz setzt Gesundheit und Schönheit einander gleich.[32]
Jedoch ist diese ebenso oberflächliche als gangbare Behauptung leicht widerlegbar. Denn dasjenige an der spezifisch weiblichen Schönheit, was zugleich für die Leistungen der Frau als Mutter zweckmäßig ist, beschränkt sich auf die gute Entwicklung der Brüste und des Beckens. Nun werden freilich Männer durch diese Körperteile, insbesondere durch den Busen, sexuell angezogen. Jedoch zeigen sich darin immerhin nur die primitivsten Triebe der Liebe.
Die höchsten Äußerungen weiblicher Schönheit haben nicht den geringsten Zusammenhang mit Zweckmäßigkeit. Als solche verstehe ich: die Schönheit und den Liebreiz des Gesichts, das prachtvolle Haar, die Zartheit der Glieder, die Kleinheit der Hände und Füße, die Rundung der Körperformen durch die stärkere Entwicklung des Unterhautfettgewebes als beim Mann, das eigentümlich feine Inkarnat, die Schönheit der Bewegungen und der Stimme. Dennoch ist all das zweifellos auch unter dem Einfluß der Zuchtwahl entwickelt worden.