Ebensowenig wie Zweckmäßigkeit ist Gesundheit die alleinige Grundlage der Schönheit: Chinesen und Neger können hervorragend gesund sein. Dennoch mangeln ihnen alle Merkmale fortgeschrittener Schönheit. Demnach: Schönheit umfaßt Gesundheit dem Begriffe nach – nicht immer im Einzelfall –, Gesundheit aber nicht umgekehrt Schönheit, nicht nur nicht in der Erfahrung, sondern auch nicht dem Begriffe nach.

Es bleibt also nur die Annahme übrig, daß die Männer von vornherein im Geiste das Ideal weiblicher Schönheit, wenn auch zum größten Teil zunächst unbewußt, besaßen und ihm gemäß ihre Wahl, getrieben durch den Instinkt, trafen. Dann aber ist Schönheit etwas durchaus Objektives, eine Idee an sich. Zur Stützung dieses Resultats meiner Überlegung führe ich einige Ansichten von Philosophen an[33]:

»Nach Chr. Krause ist Schönheit die ›reine, klare und lebensvolle Gottähnlichkeit endlicher Naturen an ihrer Endlichkeit‹. ›Die Urquelle aller Schönheit ist Gott selbst und seine Kraft, in der alle Dinge sich regen.‹ (Urb. d. Menschheit, 3, S. 41). Nach Zeising ist die Schönheit oder die Idee der Anschauung ›die als erscheinend aufgefaßte Vollkommenheit‹. (Ästhet. Forsch. S. 181.) J. H. Fichte erklärt: ›Alles Schöne beruht … auf der inneren Zusammenstimmung (›Harmonie‹) einer Mannigfaltigkeit von Teilen, durch welche die Teile zu einem geschlossenen Ganzen werden.‹ (Psychol. I, S. 697). V. Cousin bemerkt: ›Le sentiment du beau est sa propre satisfaction à lui-même‹ (Du Vrai, p. 141 ff.). Die Schönheit ist ein Ausdruck der geistigen und sittlichen Vollkommenheit (vergl. d. Arbeiten von Chaignet und L'Evêque).«

Das Wesen des Schönen liegt in der Harmonie, und zwar in einer Harmonie zweifacher Art: 1. in der Harmonie des Wahrnehmbaren unter sich, also Harmonie in Formen, Farben, Tönen und Bewegungen, und 2. in der Harmonie zwischen Form und Inhalt, also der harmonischen Abstimmung des Wahrnehmbaren auf seinen (geistigen) Inhalt. Die Schönheit des Menschen ist also die harmonische Abstimmung der Körperteile (hinsichtlich Formen und Farben) aufeinander und auf den Geist. Vollständige Harmonie zwischen Geist und Körper ist Vollkommenheit – doch nur unter der Voraussetzung, daß der Geist als solcher schon vollkommen ist. Die Lust an solcher Harmonie ist Lust an der Vollkommenheit. Streben nach Vollkommenheit bedeutet demnach Streben nach Harmonie zwischen Geist und Körper als Inhalt und Form. Der höchste Inhalt des Menschen, sein Geist, gegossen in die ihm angemessenste Form des Körpers: das ist das vollkommene Menschheitsideal. Der sichtbare Teil davon ist die dem Inhalt entsprechende Form, der Leib, der eben bei solcher Erfüllung seiner Bestimmung ästhetische Lust erzeugt. Das ist in wenigen Worten die Wahrheit über die Schönheit des Menschen, und nicht jene flache Auffassung, die sie als bloßes Nützlichkeitsprodukt aus dem Kampf ums Dasein hinstellen möchte! – – –

Das Weib ist es nun, wie wir schon sahen, welche die maximale Schönheit vertritt. Das schöne Weib erregt in geistig hochentwickelten Männern uninteressiertes Wohlgefallen an ihrer Schönheit als solcher. Dies ist insbesondere auch beim Künstler der Fall. – – –

Stratz gelangt zu einem Kanon der Schönheit durch Abzug alles ihr Widersprechenden. Er sagt: »Um lebende weibliche Schönheit objektiv zu beurteilen, muß man auf negativem Wege vorgehen: die Fehler ausmerzen.«[34] Jedoch ist es klar, daß das zum mindesten den unbewußten geistigen Besitz des Schönheitsideals seitens des Urteilenden schon voraussetzt. Denn, wie hätte er sonst ein Kriterium für das Fehlerhafte?

Doch hier interessiert uns nur die Tatsache, daß Stratz auf diesem Wege zu einem Kanon objektiver Schönheitsmerkmale gelangt, die er am Schlusse seines Werkes in einer Tabelle zusammenfaßt.[35] – – –

Die Übereinstimmung der verschiedenen Völker in ihrer Beurteilung idealer Frauenschönheit scheint vorwiegend die Farbe zu betreffen.

Wir müssen zwei Arten von ästhetischen Wirkungen unterscheiden: solche durch Harmonie und solche durch Kontrast. Schönheit durch Harmonie wird am vollendetsten von der Blondine dargestellt. In ihr erblickt auch Stratz, wenn ich ihn recht verstehe, den Typus maximaler Frauenschönheit; denn er sagt: »Da starke Pigmentanhäufung ein gemeinschaftliches Merkmal niedrig stehender Rassen ist, so kann man im allgemeinen blondes Haupthaar als einen Vorzug betrachten, und namentlich bei der Frau, bei der durch den schwächeren Gegensatz von Blond und Weiß die Harmonie der zarten Bildung erhöht wird.«[36] »Der Reiz der hellen Farben, Weiß, Rosig, Hellblau und Blond, dem zarteren Körper des Weibes eigen, wirkt an und für sich schon so mächtig, daß er vielen gleichbedeutend mit Schönheit ist.«[37]