[b) Die formale Seite der Auslese.]
Die logischen Konsequenzen aus allem Vorstehenden würden nun die Forderung ergeben, daß die wenigen hervorragendsten Männer mit möglichst vielen verschiedenen Frauen möglichst viele Kinder zeugen sollten. Die praktische Durchführung dieses Postulats brauchte nicht zu der beide Geschlechter entwürdigenden Polygamie zu führen. Außerdem würde diese gar nicht einmal in idealer Weise den rein theoretischen Schlußfolgerungen aus unsern Überlegungen gerecht werden. Vielmehr würde dies nur durch Promiskuität geschehen. Die Durchführung der Promiskuität wäre nicht etwa ein Rückfall auf niedere Stufen der Entwicklung; denn, wie neuere Forschungen zu ergeben scheinen, besteht sie nirgends als der anerkannte Zustand der formalen Regelung der Fortpflanzung und des Geschlechtsverkehrs beim primitiven Menschen. Vielmehr schließt sich dieser an seine nächsten Verwandten in der Tierreihe, die menschenähnlichen Affen, an und lebt wie sie in Ehe. Es läßt sich daher viel eher vermuten, daß Promiskuität einem ganz weit fortgeschrittenen Zustand der Menschheit entspricht. In der Tat läßt sich leicht der Gedankengang durchführen, daß die Verwirklichung der höchsten sittlichen Idee, die es überhaupt in der Philosophie gibt, nämlich derjenigen der Humanität, d. h. der Einheit und Verbrüderung aller Menschen (nach Erreichung einer äußerst hohen Organisationsstufe) einzig und allein die Promiskuität noch zur Regelung der geschlechtlichen Beziehungen zuläßt.
Dennoch liegt es mir vollständig fern, derartige Forderungen jetzt schon aufzustellen: denn, mag dem Gesagten sein, wie es will, so viel muß jeder Praktiker auf den ersten Blick sehen: heute ist die Menschheit dafür nicht reif. Die Einehe birgt in sich zahlreiche Faktoren von äußerstem Wert für die geistige, sittliche und körperliche Integrität und für den Fortschritt der Rasse, auf die im einzelnen einzugehen, zu weit führen würde. Ich erinnere nur an das Vorhandensein der Geschlechtskrankheiten, den Wert der geistigen Gemeinschaft zwischen einem Mann und einer Frau, denjenigen der Erziehung durch hochwertige Eltern für die Kinder, den notwendigen Schutz, den Ehe und Familie sowohl dem Manne, als auch dem Weibe gewähren usw.
Demnach muß die Einehe als Grundlage der Gesellschaft (jedenfalls vorerst noch auf absehbare Zeit) aufrecht erhalten bleiben, und es kann sich nur um die Einführung von Reformen handeln, welche sie in dieser ihrer zentralen Bedeutung nicht gefährden.
Es liegt mir viel daran, in diesen beiden Punkten nicht mißverstanden zu werden: 1. Als Logiker sehe ich die Konsequenzen meiner Resultate völlig klar. 2. Als Praktiker aber behaupte ich dennoch auf das bestimmteste, daß sie nicht in einseitiger Weise unser Handeln beeinflussen dürfen, daß vielmehr die Einehe als Grundlage der Gesellschaft bestehen bleiben muß. Der Grund für diese Entscheidung liegt in der Tatsache, daß es eben hier wie immer, wo das Praktische in Frage kommt, nicht nur eine, sondern eine Reihe von Schlußketten gibt. Das Übersehen dieser Tatsache ist es, was so oft die Reformatoren zu falschen und in ihrer Wirkung schädlichen Schlußfolgerungen verleitet: an einer Stelle kommt plötzlich eine andere Schlußkette in Betracht, die der ersten Halt gebietet. Es handelt sich dabei nicht etwa um Widersprüche, sondern um die Mannigfaltigkeit des Gebietes der Tatsachen, des Werdens und Vergehens, der Erfahrung, der Natur, des Lebens, die sich nicht in die Zwangsjacke eines vereinzelten logischen Gedankengangs einschnüren läßt.
Aber gewisser Reformen sind unsere, auf das Geschlechtsleben und die Fortpflanzung sich beziehenden Sitten und Anschauungen freilich bedürftig. Ich beschränke mich bei ihrer Anführung streng auf den Gesichtspunkt unseres Zieles, nämlich der Rassenveredelung. Da fällt es zunächst auf, daß die zahlreichen hochwertigen Frauen, die nicht heiraten können, dennoch zur Fortpflanzung zugelassen werden sollten, damit die hier schlummernden biologischen Werte für die Menschheit nicht verloren gehen. Ferner muß die Möglichkeit vorliegen, unpassende und unfruchtbare Ehen ohne Nachteil für die Beteiligten lösen zu können. Ebenso müssen hochwertige Menschenexemplare freie Bahn zu ihrer Verehelichung haben, eventuell durch staatliche Unterstützung.
Demnach fasse ich kurz die notwendigsten Reformen, die eingeführt werden sollten, folgendermaßen zusammen:
1. Fürsorge für Mütter und Kinder, zumal außerhalb der Ehe.
2. Anerkennung der Gleichberechtigung unehelicher Mütter und Kinder.