Ich hatte das ganze Jahr nichts von Helene gehört. Unsere Verlobung kam ganz überraschend. Das heißt, ich will ganz ehrlich sein. Schon lange war ich von den widerstreitendsten Empfindungen gepeinigt worden. Ich fuhr nach Utrecht, ich wußte selber nicht, warum. Es hätte wohl sein können, daß ich statt des Ja-Wortes mit einem neuen Schlips oder einem Satz Hemdknöpfe nach Hause zurückgekehrt wäre. So völlig unentschlossen war ich.

Aber fällt mir eben ein, hier mußt Du fragen: ‚Mein lieber Savade, weshalb bist Du denn überhaupt auf den Gedanken gekommen, nach Utrecht zu reisen? Schlipse und Hemdenknöpfe konntest Du auch in Deinem Krähwinkel kaufen.‘ — Weil ich in widerstreitenden Empfindungen lebte. — ‚Und weshalb lebtest Du in widerstreitenden Empfindungen?‘ Usw. rückwärts. — Lamondt, so wahr ich dereinst hoffe, ein ruhiges Sterben zu haben, diesen Gedanken verfolge ich mit solcher Gründlichkeit heute zum ersten Mal. Und jetzt erst, in diesem Augenblick erkenne ich, daß der Grund meiner Liebe zu Helenen vielleicht schon an jenem Tage gelegt ist, an dem ich Euch in Batavia besuchte. Ich sage ‚vielleicht‘; denn ich kann es Dir mit heiligstem Eide beschwören: Ich weiß es selber nicht. Ich weiß nur, daß ich furchtbar erschrocken war, als ich von Helene die Nachricht ihrer Scheidung von Dir erhielt.

Aber man muß gerecht sein, auch gegen sich selbst und nicht nur Gefühle, sondern auch Tatsachen erzählen. So kann ich Dir sagen, daß in dem Briefwechsel jener Jahre nicht ein Wort, nicht eine Wendung sich befindet, die nicht vor der strengsten Kritik standhalten würde. Aber geht mir selber auch jene Gedanken-Unschuld ab, so kann ich, Gott sei Dank, für Helene garantieren. Noch als ich sie sprach, war sie fest entschlossen, ihren Weg allein zu wandern. Die Entscheidung kam, als ich schon sozusagen die Tür in der Hand hatte. Es war der reine Zufall, Lamondt, für mich ein unerhörter Glückszufall.

Das wollte ich Dir mitteilen. Lieber, guter, treuer Lamondt, was ist das Leben doch für ein elendes Ding. Nicht einmal drei Leute, die alle drei das Beste wollen, können in reinem Glück zusammen leben. Was mich am meisten schmerzt, ist, daß ich Dich nicht einmal trösten kann. Aber glaube mir, Lamondt, auch in der Hochflut meiner Seligkeit vergesse ich nicht, daß das Glück rollt.

Dein treuer Savade.“

Nach etwa neun Wochen empfing Savade hierauf eine Antwort, die an ihrem Ort Platz finden wird.

Helenes und Savades Verlobungszeit war nur kurz. Schon etwa vier Wochen nach der Verlobung fand die Hochzeit statt. Alles ward aufs einfachste und in der Stille hergerichtet.

Die Trauung war auf die Mittagszeit festgesetzt.

Es waren nur noch wenige Stunden bis dahin. Plötzlich sagte Helene zu Savade, mit dem zusammen sie eben etwas anordnete:

„Ich habe Dora so lange nicht gesehen. Wo mag sie nur stecken?“