Die eben eintretende Mutter hatte gleichfalls nichts gesehen. Schnell sprang Helene hinauf in das Schlafzimmer. Das Kind war auch dort nicht. Hut und Mäntelchen fehlten. Erst wurde das ganze Haus und der Garten durchsucht. Dann ging es auf die Straße. Von dem Kinde nirgends eine Spur.
Alles war sprachlos vor Schreck. Die Kleine hatte noch nie allein das Haus verlassen. Savade allein behielt so viel Besinnung, daß er die Anordnungen treffen konnte, wie sie in solchem Fall zu treffen nötig sind.
Wie ein gehetztes Wild jagte Helene in den Straßen hin und her. Nach etwa einer Stunde kam sie matt zum Umsinken nach Hause. Vom Kinde nichts gefunden. Der Prediger wartete bereits. Dem Wahnsinn nahe stürmte sie wieder hinaus. In einer Straße kreuzte sie das Bahngeleise. Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke. Sie nahm einen Wagen und fuhr zum Bahnhof. Sie brauchte nicht lange zu suchen. Außen am Gebäude, in einer Ecke stand ihr Kind, weinend vor Angst; denn einige Straßenjungen standen vor ihr und versuchten Späße mit ihr zu treiben.
Sobald sie ihre Mutter erblickte, lief sie jubelnd auf dieselbe zu. „O Mama! Da ist meine Mama!“
Helene erwiderte keinen Ton. Fest ergriff sie die Hand des Kindes und stieg mit ihr in den Wagen. Auch hier sprach sie kein Wort, sondern starrte nur gerade vor sich hin. Das Kind kauerte ängstlich in einer Ecke.
Zu Hause angelangt, begab sie sich mit der Kleinen in ihr Schlafzimmer.
Erst nachdem sie ihr und sich selber die Sachen abgenommen hatte, begann sie in möglichst ruhigem und sanftem Ton:
„Mein Kind, was wolltest Du da am Bahnhof?“
Einen Augenblick zögerte die Kleine, dann sagte sie trotzig: