„Ich wollte zu Papa fahren.“
„Dora, hast Du mich denn gar nicht mehr lieb? Weißt Du denn nicht, wie lieb Dich Deine Mutter hat? Willst Du Deine Mutter töten vor Kummer?“
Das Kind begann zu weinen. „Du hast auch gesagt, daß wir Großmama besuchen und dann zu Papa zurückfahren. Das ist aber nicht wahr.“
Ein andermal wäre Helene von diesem Vorwurf des Kindes vielleicht getroffen worden. Heute genügte dieser Tropfen, um den Becher zum Überlaufen zu bringen. Heftig schlug sie das Kind auf den Mund.
„So bestraft man Kinder, die einen ungezogenen Mund haben.“
Die Kleine stand wie erstarrt. Es war der erste Schlag, den sie in ihrem Leben erhalten hatte. Sie wollte schreien, aber die Stimme blieb ihr in der Kehle stecken. Die Augen erweiterten sich unnatürlich. Die Finger begannen zu zucken, und plötzlich lag sie auf dem Boden in den schrecklichsten Krämpfen.
Helene kreischte laut auf. Savade, der soeben auch von der Suche zurückgekehrt war, und Frau van Hoeven stürzten herein. Savade jagte sofort zum Arzt. Der kam. „Kinderkrämpfe“ meinte er. „Sie wird sich den Magen überladen haben. Vielleicht zu viel Kuchen?“
Man gab ihm die nötigen Anhaltspunkte. „So, so! So liegt es.“ Sein Gesicht wurde ernster. Er ließ das Nötige aus der Apotheke holen. „Ich muß Sie freilich darauf aufmerksam machen, daß jeder derartige Krampfanfall eine Lebensgefahr an sich ist, ganz abgesehen davon, daß Gehirnentzündung nachfolgen kann.“
Geisterbleich starrte Helene den Sprecher an. Savade hätte ihn am liebsten für seine trostreichen Worte geohrfeigt. „Die Hallunken!“ dachte er. „Nur um sich sicher zu stellen und um ihr Verdienst um so höher zu heben, lassen sie die Angehörigen den Tod ihrer Lieben dreimal kosten.“