Unmittelbar nach der Hochzeit begab sich die junge Familie nach ihrem neuen Wohnort K., jenem Küstenstädtchen, in welchem Savade stationiert war.
Hier begann nun für Helene eine Zeit jener bewußten Glückseligkeit, deren Wert nur der bemessen kann, der selber um sie geworben hat. Denn diese Art der Glückseligkeit muß durch Denken erworben werden.
Das einzige, was einen Schatten auf die Sonne ihres Glückes warf, war das Verhältnis zu ihrem Töchterchen. Seit jenem Tage war das Kind ein anderes geworden. Zu ihrem namenlosen Schmerz merkte Helene, daß sie jenes rückhaltlose Vertrauen ihres Kindes, jenes Vertrauen, ohne welches vollkommene Liebe nicht denkbar ist, verloren habe. Dieses Bewußtsein erfüllte sie immer wieder mit brennender Qual. Das verlorene Terrain mußte wiedergewonnen werden. Sie begann um die Liebe ihres Kindes zu buhlen. Sie machte dasselbe dadurch freilich nur trotziger und unzugänglicher. Aber sie ertrug alle Rücksichtslosigkeiten mit Engelsgeduld. Ihr Mann sagte öfter: „Du wirst das Kind ganz verziehen.“ Aber sie lächelte nur.
Etwa sechs Wochen nach ihrer Hochzeit traf Lamondts Antwort an Savade ein. Dieselbe lautete:
„Mein lieber Freund!
Ich will nur gleich vorausschicken, daß die Heirat an unserer Freundschaft sicherlich nichts ändern soll, soweit es an mir liegt. Du hast das Recht, Dir Deine Frau nach Belieben zu suchen. Daß Du gerade die gefaßt hast, die sich von mir hat scheiden lassen, dafür können wir beide nichts. So viel davon.
Savade, wenn Du mir geschrieben hättest, daß in Holland der Himmel eingestürzt sei, und die heruntergefallenen Engel liefen in den Straßen umher und bettelten um Brot, so würde ich nicht so erstaunt gewesen sein als über die Heirat dieser Frau. Also das waren die hohen Ideale, die sie von meiner Seite und aus meiner Häuslichkeit trieben. Darum mußte mein kleines Paradies zertreten werden. Einen anderen Mann wollte sie haben. Freilich, jetzt verstehe ich, warum es durchaus ohne mich sein mußte. Mir ist als ob all meine Gutmütigkeit, meine Geduld, meine Menschenliebe für immer dahin sind. Ich erschrecke vor mir selber und hasse die Frau, die das in mir zustande gebracht hat. Ich weiß, ich speie Gift auf Dich, wenn ich Gift auf diese Frau speie. Aber soll ich ewig als der gutmütige Schwächling dahinschleichen, der sich geehrt fühlt, wenn andere über seinen Rücken hinschreiten! Nein! Wie ich ist noch kein Mann beleidigt worden. Savade! wenn einer Liebe geübt hat, ich war’s. O Gott im Himmel! mein Herzblut hätt’ ich jederzeit für diese Frau hingegeben und hätte nichts Großes daraus gemacht. Und das alles wird leichtsinniger, nein ruchloser Weise mit Füßen getreten. Und ich Narr lasse mich von ihren hochtrabenden Phrasen betören. Aber es ist ja alles so klar und einfach: Sie ging von mir weg, weil sie Dich wollte. Sie kam nach Holland, um Jagd auf Dich zu machen. Hier spannte sie ihr Netz auf und wartete Monat für Monat, bis Du Dich darin fangen würdest. Du schreibst: ‚Für H. kann ich garantieren. Noch als ich mit ihr sprach, war sie fest entschlossen, ihren Weg allein zu gehen.‘ Guter Savade, es kommt mir plötzlich vor, als ob ich der Alte, Gewiegte bin und Du der verliebte Jüngling. Als Du ins Haus tratest, war Dein Schicksal schon besiegelt. Glaub’ mir, sie war entschlossen, Dich nur als Bräutigam wieder hinauszulassen.
Savade, daß diese Frau meine Einfalt beherrschte, das verstehe ich, aber daß sie meine natürlichen Instinkte, meine Vaterliebe so ganz betäuben konnte, das verstehe ich heute nicht mehr. Ich verstehe nicht mehr, wie es möglich war, daß ich mich dazu entschließen konnte, dieser Frau in rechtskräftiger Form mein Kind für immer zu überlassen. Das kommt mir heute vor wie das Machwerk schwarzer Zauberei. Ach, wenn Du die Tränen kenntest, die ich zwischen meinen toten Wänden verweint habe! Und ich sagte mir immer: Es ist mein Schicksal. Ich soll ein einsamer Mann sein. — Aber weshalb denn? Weshalb denn, frag’ ich! Wenn mein Weib sich einen anderen Mann nimmt, weshalb soll ich denn auch noch die Zeche bezahlen?