Verzeih mir, daß ich so rede. Ich hätte noch warten müssen, ehe ich antworte. Aber das konnte ich nicht wegen des Kindes, und zur Zeit ist es mir unmöglich, anders zu schreiben.
Um also zum Schluß zu kommen: Dein Gerechtigkeitssinn wird Dir auch sagen, daß das Kind mir gehört; denn nicht ich bin schuld an der Lösung unserer Ehe. So bitte ich Dich herzlich, dahin zu wirken, daß alles in Güte abgetan wird. Ich kann auf mein Kind in keinem Fall verzichten, und ich würde alle Mittel anwenden, es wieder in meinen Besitz zu bringen, falls es mir verweigert wird.
In alter Freundschaft
Dein Lamondt.“
Als Savade diesen Brief fertig gelesen hatte, blieb er lange sinnend sitzen. Er hatte ein unbehagliches Gefühl. Unwillkürlich ließ er jenen Tag in Utrecht, an dem er sich mit Helene verlobt hatte, an seinem Geist vorüberziehen. Mit peinlicher Genauigkeit suchte er sich jedes einzelne Moment wieder ins Leben zu rufen. Schließlich schüttelte er energisch den Kopf wie einer, der etwas von sich abschütteln will und begab sich in das Zimmer seiner Frau.
„Soeben ist ein Brief von Lamondt angekommen“ begann er.
„Was schreibt er denn?“ fragte Helene lebhaft. Sie erwartete als selbstverständlich, daß ihr Mann ihr den Brief zum Lesen geben würde. Aber er las ihr nur den Abschnitt vor, der sich auf das Kind bezog.
Helene antwortete, als er fertig war, keinen Ton, sondern sah Savade nur mit ihren klaren Augen an. Er fühlte, sie wartete auf den Brief. Er fühlte, was auf dem Spiel stand. Aber der Pfeil, den Lamondt abgeschossen, war haften geblieben. Sein Herz war nicht rein genug, um seinem Weibe sagen zu können: „Hier ist der Brief. Ich glaube an Dich.“
Etwas zögernd begann er:
„Wie denkst Du darüber?“