Sie antwortete immer noch nicht.

„Ich denke, daß Lamondt in seiner Einsamkeit einiges Anrecht auf das Kind hat“ fuhr er unsicher fort.

„Meinst Du? Nun, so sage ich Dir, daß das Kind meine Zukunft ist; daß an ihm mein Alles hängt. Das Kind bin ich. Das Kind hingeben, ist eben so gut, als mich selber wieder Lamondt hingeben.“

Sie hatte in völliger Ruhe begonnen. Beim Sprechen wurde sie lebhafter. „Lamondt hat aus freiem Willen, nach reiflicher Überlegung mir das Kind zusprechen lassen. Weshalb? — Weil er einsah, daß ein Kind näher zur Mutter gehört als zum Vater. Nur Mütter, die sich etwas haben zu schulden kommen lassen, müssen ihre Kinder fahren lassen. Aber Lamondt wußte, daß ich makellos gelebt habe und makellos leben werde. Darum ließ er mir das Kind. Ist er jetzt anderer Ansicht geworden, so muß ich mich dagegen wehren.“

Es lag etwas wie Erhabenheit über ihr, als sie dieses sprach. Savade fühlte sich beschämt. Wieder drängte es ihn, den Brief zu geben, aber er hatte die Kraft nicht.

„So werden wir einen Prozeß haben“, sagte er.

„Nun gut, so werden wir einen Prozeß haben. Es gibt schlimmere Dinge als einen Prozeß.“

„So werde ich Lamondt in diesem Sinne antworten.“

Einen Augenblick noch standen sie sich stumm gegenüber, dann wandte sich Savade langsam und ging in sein Arbeitszimmer zurück. Traurig blickte ihm Helene nach. Jene bewußte Glückseligkeit ihrer Ehe hatte mit diesem Tag ihr Ende erreicht.