Der Prozeß zog sich fast ein Jahr hin. Es war eine böse Zeit für die beiden. Helene reiste oft nach Utrecht, um ihre Sache mit dem Rechtsanwalt persönlich zu besprechen. Oft blieb sie tagelang dort, und Savade hauste allein. Das Ergebnis war schließlich dieses, daß das Kind Lamondt zugesprochen wurde.

Savade erwartete sein Weib in Verzweiflung zu sehen. Aber nichts von dem. Sie schien völlig gefaßt. „Ich bin von der Gerechtigkeit meiner Sache so ganz überzeugt, daß ich weiß, ich muß Recht behalten.“ Sie war entschlossen, weiter zu prozessieren. Dem Kinde widmete sie sich nach wie vor mit aller denkbaren Liebe und Sorgfalt. Sie wußte, daß Lamondt, der telegraphisch von seinem Rechtsanwalt benachrichtigt war, sofort eine Vertrauensperson abgeschickt hatte, die das Kind abholen sollte. Die Zeit des Eintreffens derselben war bis auf wenige Tage herangerückt, da begann Helene eines Abends beim Schlafengehen:

„Möchtest Du wohl Deinen Papa in Java wieder besuchen, mein Liebling?“

Stürmisch warf sich das Kind der Mutter an die Brust. „Wirklich, Mama, darf ich?“

„Ja, mein Kind. Übermorgen wird jemand kommen, der Dich hinbringt.“

„O nein, Mama, Du mußt mitkommen; ach bitte, bitte, gute Mama!“

Sie begann zu schmeicheln mit jener Herzlichkeit, die Frau Savade so lange vermißt hatte und deren Duft sie jetzt einsog wie der Durstende die Luft, aus der er das Wasser in der Ferne wittert.

„Ich kann nicht, mein Kind,“ sagte sie leise.

„Aber warum denn nicht, Mama? Es war doch so schön in Java.“

Sie hängte sich der Mutter schmeichelnd um den Hals. Die sah vor sich nieder. Wieder kam wie etwas Kaltes, Unheimliches diese Frage: „Gehe ich den richtigen Weg?“ Ja, sie ertappte sich sogar bei dem Gedanken: „Wie bequem und ruhig hätte ich mein Leben an Lamondts Seite führen können.“ Aber mit einem Schlag wurde dieser Gedanke verjagt wie der Hund, der aus der Kammer des Nachbarn ein Stück Fleisch holen will.