Als es so ein paar Stunden gejagt und sich vergnügt hatte, flog es zwitschernd davon.
Am nächsten Morgen, Nala sitzt ruhig in seinem Garten und schaut in die Ebene hinab, ist plötzlich das Vögelchen wieder da und beginnt dasselbe Spiel.
So ging es nun alle Tage, Woche für Woche. Sein erster Blick, wenn er morgens in den Garten trat, galt dem Vögelchen. Und wenn es da war, so hielt er sich sorgsam in der Seite des Gartens, in welcher es gerade nicht jagte, oder er hielt sich gar im Hause, um es nicht zu stören. Wenn es im Eifer ganz nahe an ihn herankam, so pflegte er zu sagen: „Sieh doch einer den frechen kleinen Kerl.“ Und wenn er sich nicht in den Garten traute, um es nicht zu stören, so meinte er schmunzelnd: „Hier heißt es auch: Wem’s Haus gehört, der scher’ sich raus!“
So ging es viele Wochen. Eines Tages aber blieb das Vögelchen aus. Nala wartete und wartete, aber vergebens. Ebenso am nächsten Tage und an den folgenden: Das Vögelchen kam nicht. Da wurde er traurig, das Essen schmeckte ihm nicht, und die Sonnen-Auf- und -Untergänge sagten ihm nichts mehr.
„Was mag dem Vögelchen zugestoßen sein?“ dachte er. „Ist es mir untreu geworden, weil es einen besseren Jagdgrund gefunden hat? Ist es von einem Habicht oder einer Schlange gefressen worden? Ist es in eine Schlinge geraten?“ Eine Möglichkeit war ihm so schmerzlich wie die andere. Da merkte er, daß er etwas Liebes hatte, darum hatte er jetzt dieses Leid.
„Wie recht hat doch der Erhabene“, dachte er, „wenn er sagt: ‚Wer nichts Liebes hat, hat auch nichts Leides.‘ Ich muß mich sorgfältiger hüten.“ Im stillen aber wartete er immer noch auf das schwarz-weiße Vögelchen mit dem wippenden Schwänzchen und musterte alles Gefiederte ringsum.
Da sah er eines Tags, wie ein Sperling sein Junges fütterte. Das saß auf einem spitzen Ast, und das Alte hielt sich mühsam flatternd vor ihm, bis es das Futter in den aufgesperrten Schnabel hineinbefördert hatte. Das wiederholte sich wieder und wieder.
Nala sah nachdenklich. „Wie wundervoll!“ dachte er. „Nicht genug, daß diese Mutter sich die Nahrung entzieht und gibt sie dem Jungen, läßt sie sich auch die Mühe nicht verdrießen, ihm flatternd die Nahrung zu geben. Sie sagt nicht: Du, komm herunter von deinem spitzen Ast, Du machst mir die Arbeit zu schwer! Wundervoll, fürwahr!“ Das machte, sein Herz war voll von Liebe wegen des Vögelchens.
Da sann Nala hin und her, vom Morgen bis zum Abend. Nachts schlief er. Endlich sagte er sich: „Es ist doch besser, ich nehme ein Weib. Es scheint mir nicht gut, sich der Natur zu widersetzen. Meine beiden Gelübde kann ich doch halten. Es ist nicht verboten, sein Weib zu achten und zu ehren, und fragen will ich sie nimmer.“