„Es ist recht so“, sagte er mit gepreßter Stimme. „Jetzt gehe ich.“

Damit begann er vorwärts zu schreiten. Ihm war, als ob er sein ganzes Leben so wandern möchte mit dieser Last im Arm. Er hörte förmlich, wie das kleine Herz Schlag für Schlag tat, er fühlte wie Busen und Leibchen sich hoben und senkten, und jeder Atemzug ging ihm wie ein kühler Hauch über die Wange. Er meinte, ihm wäre noch nie so wohlig gewesen. Glücklich still schritt er fürbaß. „Weshalb hat der Erhabene nur gelehrt: Wer nichts Liebes hat, hat auch nichts Leides?“ dachte er. „Was soll mir aus diesem Lieben hier für Leides erwachsen!“ Nie ist ein Gelübde in größerer Gefahr gewesen.

Nun war es gerade die frühe Nachmittagszeit, und die Sonne brannte unbarmherzig. Nala war noch keine tausend Schritt marschiert, als es ihm schon gewaltig heiß und durstig war. Aber tapfer schritt er weiter. Das Mädchen lag lautlos an seiner Brust. Immer langsamer wurde sein Schritt, immer stärker die Versuchung, die kleine Frage zu tun, die ihm mit einem Schlag alles gab und ihm nur eines nahm: sein Gelübde.

Er wartete still, ob sie nicht vielleicht sich vergessen und etwas sagen würde, etwa: „Sieh nur den schönen Vogel, Nala!“ oder: „Dort ist ein Stein, Nala! Nimm Dich in Acht!“ oder: „Dort ist ein schöner Schatten, geh dort, Nala!“ Aber nichts dergleichen geschah. Sie war stumm wie ein Fisch. Er begann zu keuchen. Vom purpurroten Gesicht rieselte der Schweiß. Der lebensvolle Leib, vorhin Inbegriff der Wonne, war ihm jetzt wie Blei und hitzte ihn unerträglich. Von Zeit zu Zeit lüftete er die Last ein wenig, um auch seiner Brust einen Moment Freiheit zu gönnen. „Wie hartnäckig ist solch ein Weib“, dachte er.

Sie ihrerseits fühlte sich ganz behaglich und kalkulierte folgendermaßen: „Wenn er solch ein Starrkopf ist, daß er lieber umfällt vor Erschöpfung, als dieses törichte Gelübde aufgibt, so muß ich bei Zeiten seinen Starrsinn brechen. Geb’ ich heute nach, so muß ich immer nachgeben. Im Übrigen: was hab’ ich zu riskieren? Setzt er ab, hab’ ich gewonnen. Trägt er bis zu Ende, nun so hab’ ich nichts verloren.“ So ließ sie sich ganz ruhig auf und ab wiegen und hörte seinem Keuchen zu wie der Schiffer dem Knarren seines Schiffes.

Als aber das Keuchen immer schwerer wurde, fast ein Stöhnen; als der Schritt immer unsicherer wurde, da bog sie vorsichtig ihren Kopf rückwärts und blickte ihm ins Gesicht. Es war blaß geworden, fingerdick traten die Adern an Hals und Schläfen heraus und die Augen schienen aus den Höhlen quellen zu wollen.

Nala merkte die Bewegung und dachte: „Dem Himmel sei Dank! Endlich! Jetzt wird sie sagen: Es ist genug!“

Die erschrak freilich, als sie dem Mann in’s fremde Gesicht sah, aber sie kniff die Lippen aufeinander. Das hieß: „hält er sein Gelübde, halt’ ich’s auch.“

Nala dachte: „Wie unbarmherzig ist solch ein Weib.“ Er machte eine letzte Kraftanstrengung. An einer Biegung des Weges winkte das Buddha-Bild. Mit schlotternden Knien, dem Hinstürzen nahe, setzte er seine Last auf den Sockel des Bildes nieder.