Wieder kam er zum See. Über den hohen Steindamm ging ein starker, warmer Wind. Die Sonne hing tief, rings von glühenden Wolkenfetzen umgeben. Fern auf dem Wasser lagen wunderbare Farben. Sie sahen aus wie farblose Schatten, blickte man aber still hin, so entdeckte man das schnelle Spiel von Gold und Violett. Er ließ sich unten am Steindamm nieder. Er entledigte sich der Schuhe und tauchte die Füße leise ins Wasser. Kosend kamen die Wellen. Er saß still und schaute und schaute. Vergessen war alles. Ihm war wie einem, der seine letzte Arbeit getan und nun ruhevoll vor seiner Hütte sitzt und dem Klang der Abendglocken lauscht. O, du kühler seliger Abendfriede!

Ein einsamer Kranich durchfurchte stolz mit gebogenem Hals das Wasser, eine lange Furche nach sich ziehend. Jene Stelle aus den Suttas kam ihm in den Sinn: „Zweierlei Freuden, ihr Jünger, gibt es. Welche zwei? — Die Freude des Familienlebens und die Freude des heimatlosen Lebens.“

Jetzt hörte er Laute über sich. Oben auf dem Damm ging ein junger Mensch mit einem Mädchen. Beide taten zärtlich zueinander und sahen ihn nicht. Der junge Mensch sang dem Mädchen eine Melodie vor, die diese versuchte nachzusingen, aber immer falsch. Er wiederholte unverdrossen, nur unterbrochen durch die Liebkosungen des Mädchens.

Die Szene erschien unserm Wijasingha albern. Das Mädchen war nicht mehr jung, offenbar älter als der Jüngling und begann schon korpulent zu werden. „Nichts ist alberner als das Verliebtsein“ dachte er.

Plötzlich hörte er de Soysas Worte wieder: „In der Ehe pfeift ein scharfer Wind.“ Wieder hatte er dieses unangenehme Gefühl eines, der erwacht und weiß: Es ist etwas mit mir. „Wann war ich wohl besser dran, jetzt wo ich als Schwiegersohn des reichen de Soysa hier sitze oder damals, als ich als Karrenführer hier übernachtete und abseits am Lagerfeuer saß, alle Sterne des Himmels über mir, das Glück des Freiseins von Wünschen genießend. Damals war mir das Leben ein Ding zum Schauen, ein Ding, von dem der Verständige weiß: Es ist ein Spiel. Jetzt soll ich aufhören, Schauer zu sein. Jetzt soll ich selber handeln, mich abmühen, mich drängen und stoßen lassen und für alle Püffe danken als für ein Lehrgeld.“ Er zog die Mundwinkel nach unten und bog den Kopf ein wenig zurück wie ein Kind, das eine widrige Nahrung abweist.

„Weshalb aber das alles?“ Er meinte des Alten Worte zu hören: „Wer das nicht will, der darf sich nicht verlieben.“ Mißmutig stieß er einen Kiesel ins Wasser. Der zog seine Ringe, einen nach dem anderen, immer weiter. Wijasingha blickte aufmerksam. „So folgt jeder Ursache die Wirkung; so hat jede Tat ihre Folge, unausweichlich. Unterlaß die Tat, so werden die Folgen ausbleiben. Andere Hilfe ist nicht. Meine Tat ist die Liebe zu Lucia, ihre Folgen sind das Hasten und Mühen des Familienlebens. Und nur des Familienlebens? Bin ich seit diesem Glückstag schon einen Augenblick ganz ruhig, ganz glücklich gewesen? Muß ich nicht auf jedes ihrer Worte, auf jeden ihrer Blicke achten! Ich will, daß sie da redet, wo ich meine, daß geredet werden soll; daß sie da schweigt, wo ich meine, daß geschwiegen werden soll. Rastlos läuft mein Herz mit ihr wie ein Hündchen mit seinem Herrn. Eine mühevolle Arbeit!“ Er schwieg gedankenvoll.

Die Sonne war verschwunden. Auf dem Wasser lag das eintönige Grau des Abends.

Sie blieben noch einen Tag hier. Dann kehrten sie nach Kolombo zurück, der Alte aufgeräumt, der Junge zerstreut und nachdenklich. Es war nicht de Soysas Sache, durch anderer Stimmungen mit berührt zu werden. War er guter Laune, so galt ihm als selbstverständlich, daß der andere es auch war.

Wijasinghas erster Gang galt seiner Braut.

Er traf sie mit einem jungen Menschen im Gespräch, den Wijasingha nicht leiden mochte. Es war ein eitler Bursche, von dem man wohl wußte, daß er gleichfalls Absichten auf die schöne Lucia gehabt hatte, beiläufig ein entfernter Verwandter und Namensvetter der Familie.