Die Liebesgabe.

Ich wundere mich oft, weshalb die Menschen sich Märchen erzählen. Die Wirklichkeit ist das wunderlichste aller Märchen. Wie plump sind die Märchen der Märchenwelt gegenüber dem Märchen „Wirklichkeit“.

Ich, das Kind des Garda-Sees, mit dem ich verwachsen war im guten wie im bösen, sitze jetzt hier im indischen Randgebirge, in Lanauli, sitze hier seit Jahr und Tag, und fast sieht es aus, als ob ich hier meine Tage beschließen soll — entwurzelt mich nicht irgend ein Sturmwind aufs neue.

Mir ist, als ob die herbe Strenge, die einsame Größe dieser Landschaft hier rings um mich mir die Lieblichkeit meines alten Sirmione nur noch lebhafter macht. Wenn ich oben am Cap saß, über der alten Villa des Catull; wie unzählige Male habe ich dort gesessen, als Knabe schon, als Jüngling, als angehender Mann.

Ich entsinne mich deutlich, daß ich als Knabe schon gesonnen habe, nachgedacht über die Rätsel des Lebens, über die Welt, über die Frage: Woher dieses alles?

Und dieses Sehnen, wenn im Abendglühen der See dalag wie ein Saphir und die Boote orangefarbene Streifen nach sich zogen. Es war dann, als ob unsichtbare Fäden an mir zogen, ich weiß nicht wohin. Denn schöner und friedlicher konnte es ja nirgends sein. Aber es ist, als ob Schönheit und Frieden nicht dazu da wären, sie zu genießen, sondern nur dazu, ein unbestimmtes vages Sehnen nach Schönheit und Frieden in mir anzuregen.

Da saß ich denn, bis alles Licht auf dem See geschwunden war und über mir, in dieser dunklen Klarheit ein Lichtchen nach dem anderen aufflimmerte.