Schon die Natur allein sollte uns lehren, daß Reinheit das Schönste ist. Ach Reinheit, wie köstlich! Wenn ich unter diesem klaren Sternenhimmel stehe, und Sirius und Orion funkeln, so ist mir, als zöge es mich aus mir selber heraus in dieses reine Feuer, in diese himmlische Reinheit. Soll ich überhaupt schon etwas anbeten, nun weshalb denn nicht dieses! Weshalb denn ein Unsichtbares, Unhörbares, Undenkbares — kurz ein Unding hinter diesem Sternenhimmel anbeten?

Eines Tages — ich war damals bereits Arzt in Mailand, gesuchter Arzt und nur für kurze Zeit zur Erholung bei meinen Eltern — ging ich gegen Abend vom Cap nach Hause zurück. Wie gewöhnlich ging ich am Kirchlein auf der Höhe, im Olivenwäldchen vorbei. Wie gewöhnlich blieb ich vor dem offenen Fenster stehen, und schaute hinein in die dunkle Kühle des Innern. Schmucklose, weiß-getünchte Wände, ein Altar mit allerhand buntem Flitter und in der Mitte auf ihm das Kreuz mit jenem Manne daran, der eine so fragwürdige Rolle im Geistesleben der Menschheit spielen sollte.

Gottglauben hatte ich längst nicht mehr. Überhaupt scheint mir, als ob sehr, sehr wenige Menschen wirklichen Glauben hätten und daß man sich über diese Tatsache täuscht nur deshalb, weil man sich nicht die Mühe nimmt, sich ernsthaft selber zu prüfen.

Von mir persönlich weiß ich nicht, ob ich überhaupt je Glauben an Gott gehabt habe. Ich entsinne mich nur als Knabe bei heftigen Gewittern etwas wie Gottesfurcht empfunden zu haben. Aber das verlor sich, als ich dem Phänomen gedanklich Herr geworden war.

Ich hatte draußen am Cap in einem physikalischen Buche gelesen, einem jener modernen Bücher, die in mehr oder minder geistreicher Form auf rein physikalischen Gesetzen eine Weltanschauung aufzubauen versuchen und damit sich selber vor die Notwendigkeit stellen, schließlich auch mich, das denkende, selbstbewußtseinbegabte Lebewesen, den physikalischen Gesetzen einzuordnen. Heute in besserer Einsicht, lache ich über alle derartigen gelehrten und geistreichen Versuche, weil ich ihre Wertlosigkeit und Verkehrtheit kenne. Damals hingegen fühlte ich nur, daß dieses nicht der rechte Weg sein könne. Aber ich erkannte die Gründe nicht. So machten mir alle diese Hypothesen und Gedanken, die eine Welt aufbauen wollen, in welcher der, welcher sie aufbauen will, keinen Platz mehr hat, viel Not. Ich sann, ich grübelte. Es störte mir sogar den Schlaf und machte mich oft fast schwermütig. Aber wenn ich mich aufs genaueste durchforsche, so weiß ich selbst heute noch nicht, ob diese Nöte ehrliche waren, oder einem Kokettieren mit mir selber entspringend. Denn das war mir schon länger klar geworden, daß eine starke Eigenliebe den Grundzug meines Charakters bildete.

Als ich an jenem Tage, von welchem ich oben sprach, wieder durch das Fenster in die Dämmerung des Kirchleins sah, die kahlen Wände, den Altar mit seinem Flitter, das schwarze Holz mit dem gekreuzigten Manne daran, da seufzte ich unwillkürlich tief auf: „Hier ist Sicherheit, hier ist Ruhe! Hier gibt es keinen Kampf um eine Weltanschauung, kein Ringen mit Lebensrätseln. Wohl dem, der in so sicherem Schoß ruht.“

Indem hörte ich auf der anderen Seite des Kirchleins reden. Ich konnte ganz deutlich eine Männerstimme verstehen, die in langsamer und gewählter Sprache sagte:

„Für mich ist es garnicht zweifelhaft, daß die Form des Glaubens, der wir zufällig angehören, eine der rohesten ist. Wir haben in dieser Beziehung den Zeiten der Neuplatoniker gegenüber unerhörte Rückschritte gemacht. Und mir scheint, ein Halt ist hier nur deshalb eingetreten, weil ein weiteres Rückwärts überhaupt nicht mehr möglich ist.“

Schon während der letzten Worte war der Sprecher hinter der Mauer hervorgetreten und in der Richtung auf meinen Standpunkt zugekommen. Er hatte beim Sprechen fest vor sich auf den Boden gesehen, so daß er, als er aufhörte zu sprechen und hoch blickte, fast dicht vor mir stand.

Seine Worte richteten sich an eine jugendliche weibliche Person, die ebenso gesenkten Hauptes wie er selber, neben ihm ging.