Meine Besuche wiederholten sich, wurden immer häufiger und entgegen meiner ursprünglichen Erwartung, hatte ich gar keine Schwierigkeiten Vera zu treffen, ja selbst mit ihr allein zu sein. Manchmal kam es mir vor, als ob der Alte sich absichtlich zurückzöge. Es kam mir dann freilich auch vor, als ob Vera hiernach für eine ganze Weile noch ernster wäre, als sie es für gewöhnlich schon war.

Trotz Wahrung strengster Sitte in jedem Wort, in jedem Blick, waren wir doch bald in einen Zustand von Vertraulichkeit geraten, in dem keiner dem anderen aus seiner Liebe ein Hehl machte. Und doch fühlte ich zu meinem Befremden immer wieder, daß Vera jedem direkten Annäherungsversuch auswich.

Da ich annahm, daß es eine natürliche, unüberwindliche Schüchternheit ihrerseits sei, die ich freilich bei einer geistig so hochstehenden Persönlichkeit nicht begreifen konnte, so entschloß ich mich schließlich, beim Vater um sie anzuhalten.

Zufällig war es der Charfreitags-Tag, als ich zu meinen Freunden hinausfuhr. Da ich wußte, daß beide nie zur Kirche gingen, so war ich sicher, sie gerade heute zu Hause zu treffen.

Während ich sprach, war es, als ob der Alte noch gerader und größer wurde. Jede Muskel seines verwitterten Gesichtes schien zu erstarren. Ohne mich anzusehen, den Blick fest auf die gegenüberliegende Wand gerichtet, hörte er zu und als ich schwieg, sagte er mit einer Art maschinenmäßiger Ruhe:

„Mein junger Freund, es ist das bei uns nicht so, wie es sonst zwischen Vater und Tochter ist, ich meine so, daß der Vater einfach die Hand der Tochter vergeben könnte. Da müssen Sie meine Tochter selber fragen.“

Damit brach er so plötzlich ab, daß ich nichts erwidern konnte als:

„Gut, so will ich das tun.“

Als ich gleich darauf Vera gegenüberstand und ihr sagte, worum es sich handele, wurde sie totenblaß. Fast weinerlich sagte sie: