„Seht doch, seht doch, sie hält den Herrn fest!“
Meine Mutter lachte mit und auch mein Vater soll dabei zum ersten Mal, seit ihn der schwere Schlag mit meiner Mutter getroffen hatte, wieder gelächelt haben.
Seit dem kam er alle Tage und spielte mit mir. Vom Wegschicken meiner Mutter war keine Rede mehr. Aber nachdem ich entwöhnt war, ließ er sie einst zu sich in sein Zimmer rufen und eröffnete ihr, daß es jetzt an der Zeit für sie sei, das Haus zu verlassen, daß er aber gern mich an Kindesstatt annehmen möchte. Träte sie mich ihm bedingungslos ab, so wolle er ihr eine Summe anweisen, durch welche sie für ihr ganzes Leben sicher gestellt sein würde; außerdem solle sie die Erlaubnis haben, mich hin und wieder zu besuchen.
Da beging meine Mutter das, was mir lange Zeit hindurch ganz unbegreiflich erschienen ist: Sie gab alle ihre Mutterrechte dahin und ich wurde die Tochter meines Vaters.
Freilich muß ich zur Entschuldigung meiner Mutter sagen, daß ich gleichfalls sie leicht hingegeben habe. Von der ersten Zeit an, wo ich anfing zu denken, gehörte ich schon ganz meinem Vater. In einem Alter, in dem andere Mädchen vielleicht noch mit Puppen spielen, fing ich schon an, eigenes Interesse für seine geistigen Interessen zu haben. So entspann sich eine Seelengemeinschaft zwischen uns, wie sie zwischen Mann und Weib nicht größer sein kann. Tatsächlich fühlte ich auch schon sehr früh, daß ich hier meine Mutter ersetzen sollte und mußte. So bin ich freilich nie Kind gewesen, aber mir ist auch, als ob ich nie alt werden könnte.“
Schon im Aussprechen dieser letzten Worte schien ihr der Doppelsinn derselben zu Bewußtsein zu kommen und mich mit einem halben Lächeln ansehend, sagte sie:
„Ich meine nicht so, als ob ich früh sterben müßte, wiewohl — doch das sind Phrasen — ich will damit nur sagen: Meine stets wachen, geistigen Interessen werden mich vor dem Altwerden schützen.“
Aber plötzlich kam dieser jammervolle Zug wieder in ihr Gesicht. Mit demselben halb weinerlichen Ton begann sie:
„Was nun aber! Mein Gott, was nun! Ich bin ja mit meinem Vater verbunden enger als durch die Fessel einer Ehe. Er wird verbluten, wenn ich mich von ihm reiße.“