Ich war grausam genug, hinzuzufügen:

„Und ich fürchte, Sie selber auch.“

Sie sah mich an mit einem Blick wie ein verwundetes Reh. Erschüttert stürzte ich vor ihr auf die Kniee nieder und ergriff ihre Hand, die sie mir willenlos überließ. Als ich aber, überwältigt von Leidenschaft, sie umarmen wollte, wich sie entschlossen zurück und sagte in einem Ton, der keinen Widerspruch ertrug:

„Gehen Sie jetzt! Ich kann Ihnen nicht das Recht geben, mich zu berühren.“

So ging ich denn.

In der hierauf folgenden Zeit wurde ich von den widerstreitendsten Empfindungen hin- und hergezerrt. Mir war klar, daß ich derjenige von den Dreien war, von dem allein die Lösung des unerträglichen Zustandes ausgehen konnte. Ich fühlte wohl, wie verwerflich es war, an einem so zarten, innigen Bande zu zerren, wie es diese beiden Menschen verband. Die natürlichen Gefühle, welche die Jugend zur Jugend ziehen, verbanden mich mit Vera. Aber ich hatte zu viel erlebt, zu viel gedacht, um selbst im Stadium höchster Verliebtheit mir nicht darüber klar zu sein, daß diese Gefühle wohl einen Ersatz in ihrem Gegenstande erlaubt hätten von meiner wie von Veras Seite, daß aber die Verbindung, wie sie zwischen ihr und dem Alten bestand, unersetzbarer Natur war. Hundertmal stand ich auf dem Punkte, den Verkehr mit den beiden abzubrechen, aus ihrem Leben zu verschwinden, ebenso unmotiviert, wie ich hineingeraten war, aber ich konnte nicht.

Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß bei diesem allem am meisten der Gedanke mich quälte, ich könnte bei meinem nächsten Besuch überhaupt nicht mehr angenommen werden.

Dieser Gedanke wurde mir schließlich ganz unerträglich. Ich wollte noch einmal hingehen, mich sozusagen als Herr der Situation zeigen, wenigstens vor mir selber, und dann, vielleicht mit besserem Erfolge, wieder den Kampf gegen meine Liebe, oder besser, gegen meine Sinnlichkeit aufnehmen.

Etwa eine Woche, nachdem obiges sich ereignet hatte, fuhr ich wieder zur Villa der beiden hinaus, aber als ich in die Nähe des Hauses kam, wurde ich bei dem Gedanken, vielleicht an der Tür abgewiesen zu werden, so aufgeregt und unsicher, daß ich, ohne einen Versuch gemacht zu haben, wieder nach Hause fuhr.

Schon hieraus hätte ich mir sagen müssen, daß es mehr Eigenliebe als wirkliche Liebe war, die mich peinigte. Aber diese ganze Zeit mit ihrem Hangen und Bangen diente nur dazu, um mich in eine Art von Ingrimm gegen den Alten hineinzuleben. Es kam mir unnatürlich, unerhört vor, daß dieser alte Stamm sich dieses junge Reis aufgepfropft hatte und aus diesem Ingrimm heraus fand ich schließlich den Mut, eines Sonntags wieder an der Tür des Landhauses draußen anzuklopfen.