Zu meinem stillen Erstaunen empfing mich die Dienerin wie immer.
Nachdem ich ein kurzes Weilchen im Salon gewartet hatte, trat Vera ein.
Sie sah so rührend schön aus, daß ich am liebsten vor ihr niedergekniet wäre. Heute weiß ich, daß es die durchsichtige Blässe und Magerkeit ihres Gesichts war, die diesen anbetungswürdigen Eindruck machten. Sie mußte viel gelitten haben in diesen Wochen. Sie begann sofort:
„Wie gut ist es, daß Sie endlich kommen. Ich muß sie durchaus sprechen, mochte Ihnen aber nicht schreiben. Sehen Sie,“ fuhr sie mit einer Art verhaltener Heftigkeit fort, „es ist ja nun einmal so die Sitte, daß der Mann dem Weib die Liebe gesteht. Aber weshalb soll ein Weib, das sich reif dazu fühlt, nicht auch einmal dem Manne die Liebe gestehen! Ich fühle mich reif dazu. Sie wissen ja auch, daß ich Sie liebe. So gestehe ich denn frei: Ich liebe Sie, so daß ich, vorläufig wenigstens, nicht sehe, wie ich ohne Sie leben soll. Aber was das merkwürdige ist: Das Band zu meinem Vater ist dadurch nicht im mindesten gelockert. Ich weiß nicht, wie es möglich ist; ich kann nur sagen: Es ist so. Sie sagen: ‚So wollen wir alle drei zusammenleben.‘ Ich weiß nicht, warum nicht. Ich weiß auch hier nur, es geht nicht. Ein Ganzes läßt sich eben nicht teilen.“
Sie schwieg ein Weilchen und hielt die Lippen fest aufeinander gepreßt. Dann fuhr sie leise fort, während ihre Finger fast gewaltsam die Quaste des Sessels bearbeiteten:
„Sie sagen: ‚Wir sind jung, mein Vater ist alt.‘ Dieser unselige Gedanke ist mir auch gekommen und seitdem bin ich mein eigener Herr nicht mehr. Seit dieser Gedanke in mir geboren wurde, weiß ich, alles ist verloren, für immer verloren. Jeder Genuß, auch der reinste wäre mir vergiftet durch den Gedanken: ‚Du hast auf seinen Tod gewartet, um der Lust folgen zu können.‘ Liebster Freund, so ist es! Es gibt eben Verhältnisse, die mächtiger sind wie wir. Sie werfen uns die Schlinge über den Kopf, und wo wir entfliehen wollen, da schnüren wir uns nur ärger ein. Warum sie da sind? — Ich weiß es nicht und Sie gewiß auch nicht. Genug: sie sind eben da und wir müssen uns fügen. Ich habe mich völlig gefügt. Mein Vater weiß, daß ich ihm verloren bin, und ich weiß, daß ich mir selber verloren bin. Sie glauben nicht, wie müde der Mensch werden kann in kurzer Zeit, wenn das Gehirn Tag und Nacht mahlt wie ein Paar Mühlsteine und nichts zu verarbeiten bekommt als nur Steine und wieder Steine.“
Wie ich dieses alles mit anhören konnte, ohne ihr brennenden Herzens zu Füßen zu stürzen, ihr zu sagen: „Ich will freiwillig zurücktreten, ich kann es!“ das ist mir heute unbegreiflich. Ich schaudere bei dem Gedanken, daß vielleicht lediglich die Eigensucht es gewesen sein könnte, die mich davon abgehalten hat. Wie ein verstockter Sünder blieb ich schweigend sitzen und ließ dieses edle Herz sich ausbluten bis zum letzten Tropfen.
Ich verabschiedete mich nach kurzer Zeit mit dem unbehaglichen Gefühl, die unglücklichste Rolle meines Lebens gespielt zu haben. Es ist, als ob manchmal alles wahre Gefühl, alle Herzlichkeit im Menschen unter Schloß und Riegel gelegt wäre.
Den Alten sah ich an diesem Tage gar nicht.
Die nächsten Tage verlebte ich in einer Art innerer Verdrossenheit, ob aus Unzufriedenheit mit mir selber — ich weiß es nicht.