Nach vier oder fünf Tagen erhielt ich mit der Frühpost einen Brief von Vera. Ich öffnete ihn, zu meiner Schande muß ich gestehen, ahnungslos und las folgendes:
„Lieber Freund! Geliebter! Daß ich entschlossen war, dieses Leben zu verlassen, sagte ich Ihnen indirekt schon bei Ihrem letzten Besuche. Ihre gedrückte Stimmung bewies mir, daß Sie mich verstanden hatten. Erst heute Abend hatte ich Gelegenheit, das Fläschchen, dessen ich dazu bedarf, aus dem Laboratorium meines Vaters zu entwenden. Ich werde es heute beim Schlafengehen nehmen. Deswegen schreibe ich jetzt. Morgen früh wird man mich tot im Bett finden. Ich bitte Sie also, sofort nach Empfang meines Schreibens zu uns zu eilen, um die nötigen Formalitäten vorzunehmen. Ich bitte Sie herzlich um Verzeihung, daß ich Ihnen dieses Opfer abverlange. Aber die Rücksicht auf meinen Vater zwingt mich. Ein fremder Arzt könnte Schwierigkeiten bereiten, vor denen ich für meinen Vater schaudere.
„Lieber Freund, betrüben Sie sich nicht zu sehr. Bemessen Sie auch Ihre Schuld nicht zu hoch. Wie ich Ihnen meine Liebe gestanden habe, so gestehe ich Ihnen auch offen: Es ist nicht diese Liebe, die mich aus dem Leben treibt, es ist das rettungslos und für immer zerstörte Verhältnis zu meinem Vater. Ich kann es nicht mehr ertragen. Ich weiß, er würde von Herzen gerne gehen, mir zu Liebe. Aber er wagt es nicht, mir zu Liebe. So tue ich es ihm zu Liebe. Es ist der einzige Weg, mich ihm wiederzugeben und für mich so leicht, so beschämend leicht nach allen diesen schrecklichen Lebenstagen. Ich sehe hier niemanden, der eine Schuld hat, niemanden, der ein Verbrechen begangen hat. Das einzige Verbrechen bleibt schließlich — Mensch zu sein.
Leben Sie wohl und erfüllen Sie meine Bitte, wenn Sie je geliebt haben.
Ihre Vera P.“
Von dem Moment, wo ich diesen Brief las, bis zu dem Moment, wo ich vor dem Bette Veras stand, ist alles meinem Gedächtnis entschwunden. Wahrscheinlich ist es auch überhaupt nie darin gewesen. Ich muß wie sinnlos davon gestürzt sein.
Vor dem Bett kniete der Alte.
Bei meinem Eintritt erhob er sich schwerfällig. — Gott und Vater! Alles erdulden, alle Qualen der Hölle leiden, nur nicht noch einmal in die trocknen Höhlen dieses Greises sehen! Wie kann nur ein Mensch dem andern so schrecklich werden!
Mechanisch nahm ich die Formalitäten vor, die mein ärztlicher Beruf in diesem Falle vorschrieb. Der Tod war offenbar schon am Abend eingetreten.
Nachdem ich die haltlos weinende Dienerin mit den nötigen Anweisungen aus dem Hause geschickt hatte, verließ ich das Sterbezimmer in der Meinung, daß der Alte mir folgen und mir einige Angaben machen würde. Bisher war er völlig lautlos geblieben. Aber statt mir zu folgen, ließ er sich schwer wieder am Bette der Toten nieder und ich stand allein im Nebenzimmer.