Mir war, als müßte ich etwas zu dem Alten reden, irgend etwas über die Tote. Aber ich fühlte auch, daß es mir jetzt, wo ich meine Pflicht als Arzt erledigt hatte, ganz unmöglich gewesen wäre, noch einmal auch nur die Tür des Sterbezimmers zu öffnen.
Wenn Schuld überhaupt gebüßt werden kann, so muß ich durch die Qualen dieser totenstillen Stunde, die verfloß bis zur Rückkehr der Dienerin, viel gebüßt haben. Hätte ich dieses alles länger aushalten müssen, ich glaube, ich wäre im Wahnwitz in das Sterbezimmer gedrungen und hätte den Alten gewaltsam von der Leiche gezerrt. Dieses schweigende Stück Leben hinter der geschlossenen Tür! Diese blicklosen Höhlen, die mich anstarrten, wohin ich mich wenden mochte! Schrecklich, schrecklich!
Meinen Beruf habe ich seitdem nicht wieder aufgenommen. Ich habe überhaupt gar nicht an die Möglichkeit gedacht. Sofort nachdem ich zu Hause angekommen war, packte ich das notdürftigste in eine Handtasche zusammen und reiste sofort ab. Ich ging in die Alpen.
Es war damals eine einzige Idee, die mich beständig quälte und mich fast zum Wahnsinn brachte, die Idee: „Es muß doch einen Zweck haben, wenn der Mensch derartiges leidet.“
Manchmal war mir, als ob ich jemanden auf der Straße anhalten, ihn fragen müßte: „Weißt du, warum du leidest, warum du dich freust? Weißt du überhaupt, warum du da bist?“
Denn hat es einen Zweck, daß man derartiges leidet, so muß es doch auch einen Zweck haben, daß man da ist.
Hat es aber einen Zweck, daß man da ist, so muß man doch von einem Gott auf seinen Platz gestellt sein. Ist man von Gott auf seinen Platz gestellt, so müßte man doch auch in ihm stets einen letzten Rückhalt haben.
Aber ich nehme meinen Fall. Ich stelle mir vor, ein Gott sagte: „Dir ist diese deine Sünde vergeben“ oder: „Hinab mit dir in die unterste Hölle! Das edelste Wesen hast du gemordet durch deine Selbstsucht — sei verdammt für immer!“ Das eine wäre so nichtssagend für mich wie das andere. Deswegen bliebe doch alles wie es ist. Im allerletzten Grunde bin ich ja doch mir selber verantwortlich.
Ist aber der Gott gerade da, wo es darauf ankommt, nutzlos, weshalb sich dann mit diesem transzendenten Ballast schleppen? Weshalb schleppen andere sich mit ihm? Weshalb schleppt im Grunde genommen alles sich mit ihm? Denn der Philosoph, der über ein Transzendentes spekuliert, glaubt ja genau so, wie der Kirchengläubige, mag er sein Transzendentes auch mit den geistreichsten und unverfänglichsten Namen benennen.