Monatelang irrte ich ruhelos von einem Ort zum andern. Eines Tages trat ich, es war in München, in eine Buchhandlung. Unter den dort ausliegenden Neuheiten fiel mir zufällig ein Buch über den Buddhismus in die Hände. Er hatte als Leitspruch den Satz:
„Über alle Gabe siegt der Wahrheit Gabe.“
Das zog mich an. Ich kaufte und begann zu lesen.
Irgend ein deutscher Gelehrter sagt von sich, er sähe es als eine Gnade des Schicksals an, daß sein Vater ihm schon als reiferen Knaben Kant’s „Prolegomena“ in die Hand gegeben habe. Ich muß offen gestehen, daß ich diese Gnade nicht recht zu würdigen weiß. Aber ebenso würde wohl jener Gelehrte es nicht verstehen, wenn ich hier sage, daß ich es für eine Gnade des Schicksals ansehe, daß er mir gerade in dieser Zeit dieses Buch in die Hände gab. Ich lernte begreifen, langsam, langsam, in jahrelangem geduldigem Nachdenken, aber ich lernte schließlich, und ich lernte vergeben — mir selber vergeben. Ich begriff, warum ich mir selber vergeben durfte.
Die Dankbarkeit für diese Liebesgabe des Buddha trieb mich, die Spuren dieses Einzigen zu verfolgen. So schiffte ich mich bald darauf nach Indien ein, habe mit eigenen Augen und in stiller Ehrfurcht alles betrachtet, was diesen größten aller Menschen, diesen reinsten, wirklichsten Menschen angeht und bin nun hier in Lanauli geendet. Hier fahre ich bisweilen zu den Felsentempeln von Karli, um die stolze Säulenhalle zu bewundern. Bisweilen fahre ich auch zum gegenüberliegenden Gebirgszug, um die Felsenhöhlen von Bhaja und Bedsa zu besuchen, aus deren kahlen Wänden noch die jugendliche Kraft rücksichtslosen Entsagens spricht, wie sie den ersten Zeiten des Buddhismus eigen war. Meist aber sitze ich unter einem dieser mächtigen alten Bäume, die einzeln in dieser merkwürdigen Landschaft stehen. Und wenn der Monsunwind in den Zweigen rauscht und die Sonne hinter den Bergen im Westen sinkt, dann genieße ich immer wieder das köstlichste aller Gefühle: Dieses gesicherte Ruhegefühl, hervorgegangen aus dem bewußten Loslassen von der Welt und ihren Gütern.
Und das ist die Liebesgabe des Buddha. Mögen viele davon kosten. Denn irgend eine Schuld, die im Begreifen nicht sich selber verzehrte, die gibt es nicht.