Frau Lamondt hieß vor ihrer Verheiratung Helene van Hoeven. Sie war in Holland in der Stadt Utrecht geboren. Ihre Großmutter mütterlicherseits aber war eine echte Javanin gewesen, und auch bei Fräulein van Hoeven zeigten sich noch Spuren malayischer Abstammung. Ihre Hautfarbe hatte einen leichten Stich ins Gelbliche und der Oberkiefer war etwas stark entwickelt, was aber nur beim Lachen hervortrat. Im übrigen hatte sie ein angenehmes Gesicht, an dem aber durchaus nichts auffallendes war, ausgenommen etwa die grauen Augen mit ihrem festen, klaren Blick. Aber selbst diese fielen nicht jedem auf, sondern nur solchen, welche fähig waren zu sehen. Und ich bin fest überzeugt, daß die meisten Menschen Fräulein van Hoeven nicht zu denjenigen Personen rechneten, von denen sich erwarten ließ, daß sie später mal eine Lebensgeschichte haben würden.

Als Helene heiratete, war sie noch sehr jung, kaum 18 Jahr. Aber niemand dachte, daß das in diesem Falle viel schaden könnte. Denn sie heiratete jemanden, mit dem sie von Kindheit auf gespielt hatte und mit dem sie auch jetzt fast den ganzen Tag zusammen zubrachte: nämlich den jungen Lamondt. Daß sie sich heirateten, war von jeher selbstverständlich gewesen, also dachte man, käme es auf ein paar Jahre früher oder später nicht an.

Der junge Lamondt war ein seltner Mensch, ansehnlich, klug in seinem Geschäft, bescheiden und von einer ungewöhnlichen Gutherzigkeit.

Da die Familie viele Beziehungen nach Java hatte, so siedelten die beiden gleich nach ihrer Verheiratung nach Batavia über, um dort jenes äußerliche Glück zu suchen, welches die Ergänzung zu ihrem innerlichen Glück bilden sollte.

Ob freilich Frau Lamondt so ganz glücklich war, wie es junge Frauen stets sein sollten, das wußte sie wohl selber nicht. Sie war noch zu jung, und was das schlimmste war, ihr Mann war nur wenig älter wie sie. Sie wußten wohl beide nicht recht, was sie aneinander hatten. Zum vollen, dauernden Glück gehört aber das Bewußtsein vom Wert des Gegenstandes, dem wir unser Glück verdanken. So könnte es wohl sein, daß sie trotz aller gegenseitigen Liebe doch jenes einzige, wahre Glück der Liebe, jene vergeistigte Liebe nicht kennen gelernt hatten.

In Batavia bewohnten sie ein geräumiges Haus außerhalb der Stadt und hatten mehrere Diener, wie alle dortigen Europäer. Verkehr mit der Gesellschaft hatten sie wenig. Lamondt brachte fast den ganzen Tag in seinem Kontor in der Stadt zu, und so lebte die junge Frau in völliger Einsamkeit sich selbst überlassen.

Das wäre in Europa nicht so schlimm gewesen, weil hier die Arbeiten in der Häuslichkeit den Einfluß der Einsamkeit aufheben oder doch schwächen. In Indien aber fällt dieser Faktor fort. Die Dienerschaft macht hier alles, und die Hausfrau widmet den Tag der Hauptsache nach dem Nichtstun; denn das Bewegen des Schaukelstuhls kann man kaum eine Tätigkeit nennen.