Nun war es freilich der jungen Frau Lamondt nicht gegeben, in dieser, gerade in Holländisch-Indien so beliebten Weise ihre Tage zuzubringen. Sie begann nach Beschäftigung zu suchen, und da das Haus nichts bot, so stieß sie auf diejenige Beschäftigung, auf die sie auch in Europa, nur etwas später, gestoßen wäre, weil ihre Natur es forderte: die Beschäftigung mit sich selbst, das Nachdenken über sich selbst. Mit einem Wort: Sie begann zu philosophieren.
Es ist aber ein großer Unterschied, ob jemand mit 18 oder mit 25 oder gar mit 40 Jahren anfängt zu philosophieren. Die Anlage zur Nachdenklichkeit war Frau Lamondt angeboren. Diese Anlage wäre überall zum Durchbruch gekommen, aber in Europa wahrscheinlich erst auf Grund der Lebens-Erfahrungen, das heißt der Püffe und Enttäuschungen, die wir hienieden zu kosten bekommen. Jetzt, in Indien in dieser Einsamkeit wurde diese glücklich-unglückselige Anlage gleichsam künstlich, wie in einem Treibhause zur Reife gebracht. Es fehlte hier der reale Hintergrund, der den Resultaten ihres Philosophierens als natürlicher Maßstab dienen konnte.
Außerdem wollte es der Zufall, daß sie den Philosophien in die Hände fiel, die eine fortschreitende Hebung, Vervollkommnung des Menschengeschlechtes lehren und die Verpflichtung jedes Einzelnen, an dieser Hebung mitzuarbeiten.
Diese Theorie wirkt auf gewisse Gemüter wie der Weingeist auf das Gehirn. Auch Frau Lamondt wurde berauscht und in diesem schillernden Gespinst klangvoller Hypothesen und hochgeistiger Argumente gefangen genommen. Sie hatte irgendwo Beethovens stolze Worte gelesen: „Höheres gibt es nichts, als der Gottheit sich mehr als andere Menschen nähern und von hier aus die Strahlen der Gottheit unter das Menschengeschlecht verbreiten.“ Das tönte ihr im Ohr wie der Klang einer silbernen Glocke.
Eines Tags begann sie, ihrem Manne gegenüber diese Gedanken zu entwickeln. Der lachte sie gutmütig aus. „Laß Du die Welt nur, wie sie ist. Man beißt sich bei so was nur die Zähne aus, und es bleibt doch alles beim Alten.“
Sie erwiderte hitzig: „Wenn jeder so denken wollte wie Du, so würde die Welt wohl in einem kläglichen Zustand sein.“
„Das weiß ich nicht, Tutti. Mir gefällt sie so ganz gut wie sie ist, und für die Zeit, in der wir drauf sind, reicht’s schon aus.“
Er küßte die junge Frau herzlich. Es war Zeit, ins Kontor zu gehen. Im Hinausgehen rief er ihr scherzend zurück: „Ich will vor allem mal die Lamondt’sche Welt verbessern. Wie die große dabei fährt, das kümmert uns gar nichts. Hörst Du, Tutti, gar nichts!“ wiederholte er übermütig. Er warf ihr eine Kußhand zu und stieg in sein Wägelchen.
Frau Lamondt versuchte es noch öfter, ihren Mann für diese Fragen zu interessieren, aber stets mit dem gleichen Erfolg. So fing sie an, bei solchen Gelegenheiten sich ernsthaft über ihn zu ärgern. Sie übersah ganz oder wußte es wohl nicht, daß er tatsächlich seine Pflicht erfüllte und nach allen Seiten hin gutes tat, so weit es an seinem Platz nur möglich war. Sie übersah, daß auch das idealste Streben in keinem Fall mehr tun kann. Sie begann auf ihren Mann herab zu sehen seiner prosaischen Ansichten wegen.
Auch unter den wenigen, mit denen sie hier verkehrte, war niemand, der Verständnis für ihren Gedankengang gehabt hätte. Sie begann bei diesem und jenem zu fühlen. Denn erhabene Gedanken, die noch nicht zur Tat umgesetzt sind, drängen zur Mitteilung durch das Wort. Sie verlieren hierdurch zwar an Kraft, gewinnen aber an Verdaulichkeit. Was sie an Nähreinheiten einbüßen, wird aufgewogen durch die größere Assimilierbarkeit des Restes, eine Eigenheit, von der nicht nur der Beschenkte, sondern auch der Geber profitiert.